Amateurfotografin Mascha Iwaschinzowa Blick hinter den Eisernen Vorhang

40 Jahre lang dokumentierte Mascha Iwaschinzowa akribisch den Alltag in ihrer Heimat UdSSR, zeigte die Aufnahmen aber niemandem. Nach ihrem Tod r??umte die Tochter den Dachboden auf - und barg einen gigantischen Foto-Schatz.

Masha Ivashintsova

Von


Wie tief es hier wohl runtergeht? Neugierig streckt Micky den Kopf aus dem Fenster; mit der rechten Pfote h??lt er sich am Holzrahmen fest. Der Affe scheint sich m??chtig f??r die Freiheit vor der Glasscheibe zu interessieren - in ihren Genuss wird Micky jedoch nie kommen: Eine dicke Leine, befestigt an einem Lederg??rtel um den Bauch, hindert das Tier am Herunterturnen.

Der angekettete Primat geh??rt dem russischen Schauspieler Rostislaw Racht, einem Freund jener Frau, die das Foto 1978 in Leningrad (heute: St. Petersburg) aufgenommen hat: Mascha Iwaschinzowa. Eine Frau, die sich ??hnlich unfrei f??hlte wie der Affe auf dem Foto. Die sich als K??nstlerin dem gesellschaftlichen Korsett der Sowjetdiktatur verweigerte - und wie wild drauflos knipste, um klarzukommen in einer Welt, die nicht die ihre war.

"Fotografieren war f??r meine Mutter so etwas wie Atmen, nichts Besonderes. Ein nat??rlicher Vorgang, der ihr half, der Realit??t zu entrinnen, mit ihren Emotionen klarzukommen", schreibt Asja Iwaschinzowa-Melkumjan. Die Russin beschreibt ihre Mutter ebenso wie sich selbst als sehr introvertiert; statt eines Telefoninterviews wollte sie per Mail Stellung nehmen zu jenem Foto-Fund, der ihr Leben auf den Kopf gestellt hat.

Fotostrecke

21  Bilder
Amateurfotografin Mascha Iwaschinzowa: Blick hinter den Eisernen Vorhang

Im M??rz 2017 beschlossen Asja und ihr Mann Jegor, den Dachboden ihres Hauses in Puschkin, einem Bezirk von St. Petersburg, aufzur??umen. In einer Zwischendecke stie??en sie auf mehrere gro??e Kisten, vollgepackt mit Dunkelkammerzubeh??r, Filmrollen, Negativen und Abz??gen. Rund 30.000 Aufnahmen, fein s??uberlich beschriftet, in gro??en, braunen Umschl??gen.

Zirkusartisten, Demonstranten, Hinterh??fe

"Erst wollte ich da gar nicht reinschauen", sagt Asja. Mutter Mascha war im Jahr 2000 mit nur 58 Jahren in ihren Armen an Krebs gestorben - die Tochter f??rchtete sich davor, erneut von Trauer und alten Erinnerungen ??bermannt zu werden. Ihr Mann ??berzeugte sie, doch einen Blick zu wagen und sich mit der eigenen Vergangenheit zu konfrontieren.

Asja und Jegor borgten sich einen alten Scanner, St??ck f??r St??ck entr??tselten sie das gigantische Verm??chtnis der Mascha Iwaschinzowa. Eine Autodidaktin, die zwischen 1960 und ihrem fr??hen Tod so ziemlich alles ablichtete, was ihr vor die Linse kam: spielende Kinder und verfallene Hinterh??fe, plaudernde Pelzm??tzentr??gerinnen, Zirkusartisten, ein Stra??enumzug am Tag der Arbeit. "Meine Mutter fotografierte st??ndig und ??berall, sie war ein sehr neugieriger Mensch, legte die Kamera nie aus der Hand", so Tochter Asja.

Hier ein raketenf??rmiges Kletterger??st auf einem verwaisten Spielplatz - dort, im Gras liegend, der Torso einer geschleiften Stalin-Statue: Mit ihren Schwarz-Wei??-Fotos schuf Iwaschinzowa ein Panoptikum der sp??ten Sowjetunion und des fr??hen Russlands. "Es ist unm??glich, all das f??r die Zukunft zu retten. Aber zumindest kann ich es mit der Kamera einfangen", schrieb die Amateurfotografin ihrer Tochter 1979 aus der Stadt Wologda.

Stalin am Boden: Geschleifte Diktatoren-B??ste, aufgenommen 1978 in Leningrad
Masha Ivashintsova

Stalin am Boden: Geschleifte Diktatoren-B??ste, aufgenommen 1978 in Leningrad

Iwaschinzowas zumeist d??stere Bilder strahlen eine starke Melancholie aus, k??nden von den Verletzungen einer Person, die an den Zw??ngen der Sowjetdiktatur zerbrochen ist. "Meine Mutter hatte eine schwierige Beziehung zum Kommunismus", so Tochter Asja. "Sie fiel aus dem Rahmen und versuchte, sich in der Dunkelheit zu finden."

Wahl zwischen Gef??ngnis und Psychiatrie

Geboren wurde Iwaschinzowa 1942 in Swerdlowsk (heute: Jekaterinburg) als Nachk??mmling einer alten, aristokratischen Familie geboren, deren Besitz die Bolschewiken nach der Revolution beschlagnahmt hatten. Als Kind tanzte sie leidenschaftlich gern Ballett. Doch T??nzerin durfte sie nicht werden - ihre Eltern schickten sie auf eine technische Fachschule.

Sp??ter studierte Iwaschinzowa Theater, verdingte sich mal als Theaterkritikerin, Lichttechnikerin und Garderobiere, mal als Bibliothekarin, Liftgirl und Ankleiderin. Ihr Herz jedoch geh??rte stets dem Fotografieren, Schreiben, Dichten.

Iwaschinzowa verkehrte in Theaterkreisen, ging in der Leningrader Untergrund-K??nstlerszene ein und aus, liebte Querdenker wie den Linguisten Melwar Melkumjan (den Vater von Asja), den Dichter Wiktor Kriwulin, den Fotografen Boris Smelow. Kreative K??pfe, die es in der Sowjetunion schwer hatten, sofern sie sich nicht in den Dienst der Diktatur stellten: "Der Mensch galt in erster Linie als Arbeiter, alles andere wurde als Freizeitvergn??gen gewertet", so Tochter Asja.

Als ihre Mutter an Depressionen erkrankte und keine Arbeit mehr annehmen konnte, verstie?? sie laut UdSSR-Verfassung gegen das Gesetz: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", hie?? es dort in Artikel 12. Sogar einen eigenen Begriff gab es f??rs strafbare Nichtstun: "Tunejadstwo", zu Deutsch "Sozialschmarotzertum".

Iwaschinzowa wurde ihrer Tochter zufolge vom Staat vor die Wahl gestellt: Entweder sie geht ins Gef??ngnis oder in die Psychiatrie. Die damals 38-J??hrige entschied sich f??r die zweite Option - und landete in Leningrads Psychiatrieklinik Nr. 6, gelegen am Obwodni Kanal. Man habe Iwaschinzowa eingewiesen, "da sie sich niemals der allumfassenden, schreienden Welt sozialistischer Erregung anpassen konnte", so Tochter Asja.

"Geschichte der menschlichen Verwirrung und endlosen Suche"

Wie Iwaschinzowa erging es zahlreichen Menschen hinter dem Eisernen Vorhang: Ab den Sechzigerjahren wurde die Psychiatrie vom Sowjetregime in gro??em Stil als Repressionsinstrument missbraucht. Ein Skandal, den der sowjetische Dissident Wladimir Bukowski bereits 1971 mit seinem Buch "Opposition, eine neue Geisteskrankheit in der Sowjetunion?" angeprangert hatte.

Verwandte Artikel

Laut Sch??tzungen des Unabh??ngigen Verbands der Psychiater Russlands wurden zwischen 1967 und 1987 insgesamt zwei Millionen missliebige Sowjetb??rger zu Psychiatriepatienten gemacht. Iwaschinzowa wurde bis zum Zerfall der Sowjetunion monateweise in der Psychiatrie festgehalten, wo sie laut Tochter auch medikament??s behandelt wurde. Fotografiert hat sie trotzdem weiter, unerm??dlich.

Auch sich selbst fotografierte sie im Spiegel: Eine der Aufnahmen zeigt eine h??bsche, junge Frau mit einem hellen Kleid, die nachdenklich ins Leere schaut. "Was ist das alles um mich herum? Wer sind diese Leute? Worum geht es in diesem Leben? Wo soll ich nach Antworten suchen?" - das waren laut Tochter Asja die Fragen, die ihre Mutter zeitlebens umtrieben, sie zum Fotografieren anspornten. "Die Geschichte meiner Mutter," so Asja, " ist eine Geschichte der menschlichen Verwirrung und endlosen Suche."

Posthume Anerkennung

Ausgestellt hat Iwaschinzowa ihre Fotografien nie. Wahrscheinlich habe die Mutter gedacht, sie seien nicht gut genug, mutma??t ihre Tochter. Der schriftstellernden Amateurfotografin fehlte das Selbstbewusstsein, ihre Kunst publik zu machen; stattdessen verblasste sie neben ihren ber??hmten M??nnern. Fotograf Boris Smelow, mit dem sie ab 1974 liiert war, schenkte ihr zwar eine Leica - wirklich ermutigt hat er Iwaschinzowa in ihrem Schaffen jedoch nicht.

Die Anerkennung, die der Autodidaktin zu Lebzeiten versagt blieb, bekommt sie nun posthum - dank Tochter Asja, Ehemann Jegor und dem kleinen Team von Masha Galleries, die ein Archiv aufbauten, eine Homepage erstellten, an die ??ffentlichkeit gingen. Die Resonanz in den sozialen Netzwerken ist enorm, ein Filmprojekt in Arbeit.

Von den Medien wird Iwaschinzowa als "russische Vivian Maier" gefeiert: Auch das 2009 verstorbene einstige US-Kinderm??dchen aus der Bronx lichtete jahrzehntelang ihre Umgebung ab, ohne jemandem die beeindruckenden Aufnahmen zu zeigen.

Die Fotografien der Mascha Iwaschinzowa waren bislang in zwei Ausstellungen in New York und der polnischen Stadt Bydgoszcz zu sehen. Eine dritte ist in Vorbereitung - und soll demn??chst von Tallin aus um die Welt touren.

Mehr ??ber Mascha Iwaschinzowa im Internet: Homepage, Facebook, Instagram



insgesamt 2 Beitr??ge
Alle Kommentare ??ffnen
Seite 1
Corinna Pietz, 14.03.2019
1. ...
Als ihre Mutter an Depressionen erkrankte und keine Arbeit mehr annehmen konnte, verstie?? sie laut UdSSR-Verfassung gegen das Gesetz: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", hie?? es dort in Artikel 12. Sogar einen eigenen Begriff gab es f??rs strafbare Nichtstun: "Tunejadstwo", zu Deutsch "Sozialschmarotzertum"." Eine durchaus interessante Information... cassi
Dr. Bertha Dammertz, 19.03.2019
2.
Welchen Sinn hat es, laufend die "Amateurfotografin" zu erw??hnen und zu betonen? Eine qualifizierende oder eher disqualifizierende Konnotation? Entweder habe diese Bilder in dem gesellschaftlich-politisch-historischen Zusammenhang eine Aussage und Bedeutung oder nicht. Ob von einem Berufsfotografen oder nur "Fotografen" erstellt, ist irrelevant.
Alle Kommentare ??ffnen
Seite 1

?? SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielf??ltigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.