Junge Aktivisten Hongkongs letzte Hoffnung

Der 22-j??hrige Joshua Wong k??mpft gegen das autorit??re China. Daf??r geht er sogar ins Gef??ngnis. Welche Chance bleibt ihm, gegen die Supermacht zu protestieren?

Aktivist Wong: "Ich bin nicht Gandhi, ich bin Wong"
Todd R. Darling

Aktivist Wong: "Ich bin nicht Gandhi, ich bin Wong"

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Nackt hockte Joshua Wong auf dem Gef??ngnisboden, die Beine gespreizt, bis die W??rter ihn durchsucht hatten. Er, der sonst immer so stark war, f??hlte sich ausgeliefert. W??rdelos. "Sie behandelten mich wie einen Hund. So etwas sollte kein Mensch ertragen m??ssen", sagt er.

Fast drei Monate verbrachte Joshua, 22, hinter den Mauern der "Pik Uk Correctional Institution", einem Gef??ngnis f??r junge Straft??ter im Osten von Hongkong. Der bekannteste Aktivist der Stadt: verurteilt wegen angeblicher illegaler Versammlung. Die Monotonie des Gef??ngnisalltags habe ihn zerm??rbt, erz??hlt er. "Du musst kein einziges Mal deinen Kopf benutzen. Von morgens bis abends ist alles durchgeplant." Um nicht durchzudrehen, schrieb er Tagebuch.

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Bis zu seiner Haft verlief Joshuas Leben so, als h??tte es sich Hollywood ausgedacht: Mit 15 Jahren gr??ndete er eine Sch??lerbewegung. Mit 17 sprach er vor Zehntausenden Menschen, die monatelang in Hongkongs H??userschluchten kampierten. "Regenschirm-Revolution" nannten die Medien diese Proteste f??r mehr Demokratie. Wegen der bunten Schirme, mit denen sich die Menge vor dem Pfefferspray der Polizei sch??tzte.

Die Aktivisten hatten sich mit einem m??chtigen Gegner angelegt: China, der gr????ten Autokratie der Welt. "David gegen Goliath", wie Joshua sagt. Die chinesische Regierung zensiert das Internet und kontrolliert die Medien. Sie wacht ??ber die B??rger wie Big Brother und bestraft jeden, der anders denkt.

Junge Hongkonger sind dagegen westlich aufgewachsen, mit freiem Internet, anderen Filmen und anderer Musik als ihre Altersgenossen im chinesischen Kernland. Die Angst, dass Hongkong so werden k??nnte wie China, hatte die Demonstranten im Herbst 2014 auf die Stra??e getrieben.

Wankendes Konstrukt

Als Joshua Wong geboren wurde, war Hongkong eine britische Kronkolonie. Gro??britannien hatte Hongkong im 19. Jahrhundert besetzt. Im Juli 1997, ein Dreivierteljahr nach Joshuas Geburt, gaben die Briten die Stadt an China zur??ck. Obwohl nun ein offizieller Teil Chinas, blieb Hongkong ein Schutzraum der Freiheit. Denn China hatte versichert, die unabh??ngige Justiz sowie die Meinungs- und Pressefreiheit nicht anzutasten. Bis vor vier Jahren hielt sich die Regierung in Peking weitgehend daran. Dann forderten die Regenschirm-Proteste das Regime heraus. Das fragile Konstrukt "ein Land, zwei Systeme" geriet ins Wanken.

Seither ist viel passiert. Joshua wurde f??r den Friedensnobelpreis nominiert. Das amerikanische "Time"-Magazin druckte sein Gesicht auf dem Cover. W??hrend er zu einer Ber??hmtheit wurde, schlug die Stimmung in Hongkong um. Politische Reformen blieben aus, etliche Aktivisten landeten f??r relativ kleine Vergehen im Gef??ngnis. Joshua kam Anfang des Jahres auf Kaution frei. Weil die Beh??rden seinen Pass einkassierten, kann er Hongkong nicht verlassen. Er ist jetzt Vollzeitaktivist. Politikwissenschaft studiert er nur noch nebenbei.

Joshua Wong: Studium nur noch nebenbei
Todd R. Darling

Joshua Wong: Studium nur noch nebenbei

An einem schw??len Sommertag hetzt Joshua die Treppen der U-Bahn-Station Wan Chai hoch, ein junger Mann mit T-Shirt und Brille. Ein bisschen nerdig, aber ziemlich unauff??llig. Eigentlich. Gleich am Ausgang wird Joshua erkannt. Ein paar Aktivisten, die gegen irgendwas demonstrieren, haben dort einen Stand mit Plakaten aufgebaut. "Hi, Joshua", rufen sie. Ob er da sei, um sie zu unterst??tzen? "Keine Zeit", antwortet Joshua und verschwindet im Get??mmel der Stadt.

Von Journalisten wird er oft gefragt, ob Mahatma Gandhi oder andere Freiheitshelden sein Vorbild seien. Solche Vergleiche m??ge er nicht, erz??hlt er, als er wenig sp??ter in einem Schnellrestaurant sitzt und eine Lasagne hinunterschlingt. "Ich bin nicht Gandhi, ich bin Joshua Wong."

Bedr??ckende Armut

Es stimmt: Joshua ist weder so ein mitrei??ender Redner wie einst Martin Luther King noch ein Charismatiker wie der verstorbene Nelson Mandela. Wenn er mit Menschen spricht, vermeidet er Augenkontakt. Andererseits wirkt Joshua wie jemand, der bereit ist, bis zum Ende f??r eine Sache zu k??mpfen.

Sein Traum ist ein freies und selbstbestimmtes Hongkong. Ein Ort, an dem die Menschen gern leben wollen. Heute ist die soziale Spaltung in Hongkong so gro?? wie in kaum einer anderen asiatischen Stadt. Unvorstellbarer Reichtum prallt auf bedr??ckende Armut.

Joshua ist ein Mittelschichtskind, seine Eltern arbeiten in der Verwaltung. Wie die meisten jungen Hongkonger wohnt er noch zu Hause, in einem der riesigen Hochhaust??rme im S??den der Stadt. Weil die Mieten absurd hoch sind, kann sich fast niemand unter 30 eine eigene Wohnung leisten. "Wir sind Maschinen, die versuchen, irgendwie nach oben zu kommen", sagt Joshua.

Viele aus seiner Generation f??hlen sich vom Leistungsdruck zerrieben. Die Eltern erwarten, dass ihre Kinder in der Schule und an der Uni ganz vorn landen und so die soziale Leiter hinaufklettern. In der Realit??t finden sie nach dem Abschluss oft nur schwer einen guten Job.

Sp??rbarer Einfluss Chinas - auch an Schulen

Er habe sich irgendwann gefragt, ob er die Regeln dieses Spiels ??ndern k??nne, sagt Joshua, der gl??ubiger Christ ist. "Das Leben hat noch einen anderen Wert als Geld und Status." Freiheit zum Beispiel.

Seit der Regenschirm-Revolution mischt sich China immer st??rker in Hongkong ein. Neulich verlor ein britischer Journalist sein Arbeitsvisum, nachdem er eine Podiumsdiskussion moderiert hatte, bei der ein Unabh??ngigkeitsaktivist zu Gast war. ??ber Nacht verschwanden f??nf kritische Buchh??ndler, mutma??lich entf??hrt vom chinesischen Sicherheitsapparat.

Aber auch dort, wo es weniger Schlagzeilen gibt, ist Chinas Einfluss zunehmend sp??rbar: an den Schulen. "Fr??her wurde in den Lehrb??chern auch Chinas Ein-Parteien-Herrschaft thematisiert", sagt Joshua. Dieser und anderer kritischer Stoff k??nnte aus den Lehrpl??nen verschwinden. Joshua spricht von "Gehirnw??sche".

Er f??rchtet auch um die "traditionelle Kultur". Damit ist vor allem die Sprache gemeint. Die Menschen in Hongkong sprechen ??berwiegend Kantonesisch, viel weniger Mandarin. Die Sprache ist der wichtigste Teil ihrer Identit??t, etwas, das sie un??berh??rbar von Festlandchinesen unterscheidet.

Schwierige Jobsuche

Viele Hongkonger halten die Nachbarn aus dem Norden f??r arrogant und unh??flich. ??ber die neureichen Chinesen, die nur in die Stadt kommen, um die Luxusboutiquen leer zu kaufen, r??mpfen sie die Nase. Junge Hongkonger f??hlen sich bei der Jobsuche benachteiligt, weil einige Konzerne lieber Mandarin-Muttersprachler einstellen.

"Wenn wir auf den Bus warten, stellen wir uns in eine Reihe. Chinesen dr??ngeln sich einfach vor", sagt die Aktivistin Yau Wai-ching. Sie f??hle sich fremd in ihrer Heimatstadt, ??berrannt von Festlandchinesen, die massenweise nach Hongkong str??mten. Das klingt gef??hrlich nach der Rhetorik der AfD. Doch viele Hongkonger denken so. ??berheblichkeit mischt sich mit Angst, nationalistische Ressentiments mit der berechtigten Sorge ??ber die Macht Chinas.

Aktivistin Yau Wai-ching: Fremd in der Heimatstadt
Todd R. Darling

Aktivistin Yau Wai-ching: Fremd in der Heimatstadt

Es ist noch nicht lange her, da war Wai-ching, 27, eine normale B??roangestellte, die sich kaum f??r Politik interessierte. Noch heute ist es leicht, sie zu untersch??tzen: Mit ihren gro??en dunklen Augen sieht sie aus wie die Heldin eines Manga-Comics. Auf Instagram postet sie Selfies und Katzenfotos.

In Wirklichkeit ist Wai-ching eine der radikalsten und umstrittensten Aktivistinnen der Stadt. W??hrend der Regenschirm-Revolution schlief sie in einem Zelt im Bankenviertel. Als sie sah, wie harsch die Polizei mit den ??berwiegend friedlichen Demonstranten umging, war sie entsetzt. Danach lie?? sie sich ins Hongkonger Parlament w??hlen.

Doch ihre Karriere als Abgeordnete endete, bevor sie begonnen hatte. W??hrend ihrer Vereidigung rollte sie ein blaues Transparent aus, auf dem in wei??en Buchstaben "Hongkong ist nicht China" stand. Eigenm??chtig ??nderte sie die Worte des Eids und nannte China die "verfickte" Volksrepublik. So laut, dass es jeder im Saal h??ren konnten. Wai-ching verlor ihren Sitz als Abgeordnete. Kurz darauf war sie an einer Rangelei im Parlament beteiligt. Im Fr??hjahr verurteilte sie ein Gericht daf??r zu einem Monat Gef??ngnis.

Wut auf die Regierung

"Die Beh??rden sehen eine Gefahr in mir. Deshalb wollen sie mich wegsperren", sagt Wai-ching, als sie wenige Tage vor dem Antritt ihrer Strafe in einem Coffeeshop im Hongkonger Shoppingviertel sitzt. Drau??en laufen Teenager mit Einkaufst??ten vorbei. Drinnen erkl??rt Wai-ching, warum sie mit Politik vorerst nichts mehr zu tun haben will.

Chinesische Agenten h??tten ihren Eltern nachgestellt, erz??hlt sie. Um sie zu denunzieren, h??tten die Agenten das Ger??cht verbreitet, sie k??mmere sich nicht um ihre Eltern. Das hat sie getroffen. "Ich hasse die chinesische Regierung so sehr", sagt sie.

Auch Benny Tai hat erlebt, wie weit der Einfluss Pekings reicht. Das B??ro des Juraprofessors an der University of Hongkong sieht aus wie eine H??hle: Die B??cherregale reichen bis zur Decke, in der Ecke lehnt eine Gitarre.

Tai war Mitorganisator der Proteste von 2014 und gilt als politischer Vordenker. Im Fr??hjahr wurde er deshalb nach Taiwan eingeladen, wo er dar??ber sprach, was mit Hongkong geschehen k??nnte, wenn die Ein-Parteien-Herrschaft in China wom??glich irgendwann ende. Aus Sicht der chinesischen F??hrung sind allein solche Gedankenspiele schon ein Tabubruch.

Abh??ngige Hochschulen

Nachdem Tais Rede bekannt wurde, bezogen regierungsfreundliche Gruppen auf dem Campus Stellung und forderten Tais Entlassung. Eine Woche dauerten die Schikanen. "Ich habe nichts Verbotenes getan", sagt Tai. Er glaubt, dass China an ihm ein Exempel statuieren wollte. "Seht her, das passiert mit jemandem, der sich mit uns anlegt."

Tai behielt seinen Job, weil die Universit??tsleitung hinter ihm stand. Das war nicht selbstverst??ndlich. Eigentlich sind Hongkongs Hochschulen unabh??ngig. Aber auch das ??ndere sich gerade, erz??hlt Tai. Immer mehr Gremien w??rden mit pekingtreuen Leuten besetzt. "Es ist ein schleichender Prozess."

Hongkong ist im Vergleich zu seinem Nachbarn im Norden winzig, das ist das vielleicht gr????te Problem der Aktivisten. Rund 7,5 Millionen Bewohner stehen 1,4 Milliarden Chinesen gegen??ber. Keine ausl??ndische Regierung will es sich mit der Volksrepublik verscherzen, der zweitgr????ten Wirtschaft der Erde und aufstrebenden Supermacht. Damit sich die Welt ??berhaupt f??r das Schicksal Hongkongs interessiert, braucht es Aufmerksamkeit. Berichterstattung. Eine gute Geschichte.

Anfrage von Netflix

Joshua Wong wei?? das. Als Netflix ihn f??r die Dokumentation "Teenager gegen Supermacht" begleiten wollte, sagte er zu, auch wenn die Macher manches verdrehten und dramatisierten, wie er sagt. "Aber so funktioniert Hollywood. Meine Rolle ist es, in die Erz??hlung der Medien zu passen."

50 Jahre - bis 2047 - soll in Hongkong alles so bleiben wie es ist, das haben Briten und Chinesen vor Ende der Kolonialzeit ausgemacht. 21 Jahre sind seither vergangen. 29 Jahre bleiben noch, bis die Verabredung "ein Land, zwei Systeme" endet.

Noch hat Joshua also Zeit. K??rzlich ist er 22 geworden. Chinas Staatspr??sident Xi Jinping, der Goliath in dieser Geschichte, ist 65.

insgesamt 13 Beitr??ge
Alle Kommentare ??ffnen
Seite 1
Outdated 11.02.2019
1. Leider bleibt Hongkong keine Chance
China schaft schon seit Jahren fakten, aber es ist gut das SPON wenigstens mal ??ber ein solches Thema berichtet. Allerdings g??bs da noch einiges mehr erschreckendes zu erz??hlen, das so manchen hier verst??ren w??rde. Vielleicht desshalb nicht? Wer jedenfalls China f??r die bessere Alternative zu Amerika h??lt sollte sich im klaren sein, wenn nicht Amerika, dann lieber aufr??stung und nationale selbstbestimmung als je in die F??nge von China zu geraten.
quarax 11.02.2019
2.
Wenn die Proteste auch nur den Hauch einer Chance h??tten, w??ren diese jungen Leute bereits nicht mehr am Leben.
Eric123 11.02.2019
3. Wer diesem Artikel geschrieben hat, soll nicht vergessen,
dass Hongkong einfach eine reiche Stadt China ist, wenn du sagst, Hongkonger und Chinesse, ist gleich komisch wie M??nchener und Deutsche.
felix_hauck 11.02.2019
4.
Wenn Staaten wie Taiwan (so nennt man das doch heutzutage?) oder die USA China nicht Paroli bieten kann, dann bezweifle ich, dass Studenten aus Hongkong das k??nnen.
chinareel 12.02.2019
5.
Zitat von OutdatedChina schaft schon seit Jahren fakten, aber es ist gut das SPON wenigstens mal ??ber ein solches Thema berichtet. Allerdings g??bs da noch einiges mehr erschreckendes zu erz??hlen, das so manchen hier verst??ren w??rde. Vielleicht desshalb nicht? Wer jedenfalls China f??r die bessere Alternative zu Amerika h??lt sollte sich im klaren sein, wenn nicht Amerika, dann lieber aufr??stung und nationale selbstbestimmung als je in die F??nge von China zu geraten.
Das sind paranoide Verirrungen von "in den Faengen von China" zu sprechen. Unter den 600-000 Expats die in China leben, teils Studenten (140'000), teils Lehrer, viele Daueraufenthalter, gibt es gewiss viele, die lieber hier in China leben als zuhause. Aber das koennen Sie natuerlich nicht wissen. Hongkong wurde von den Englaendern unter Kanonenboot-Erpressung fuer 99 Jahre ausgeliehen. Taiwan war immer China und ist es de facto noch, wenn sie es genau lesen, es ist einfach eine abtruennige Provinz. Um China und die heutige Weltlage richtig einschaetzen zu koennen, ist das Buch von Mag. R. Fitzthum "China verstehen" eine Erleuchtung. Vorallem ist es top aktuell. Ansonsten waeren da noch die Buecher von Frank Sierens, auch gut und besser als Meinungen als Fakten zu praesentieren.
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