Freitag, 3. September 2010

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30.07.2010
 

Beziehungen mit Soldaten

"Hier fallen Bomben - ich liebe dich"

Von Elisa Dullweber

Er kdmpft in Afghanistan, sie sitzt zu Hause und bangt um ihren Freund oder Ehemann. Dort geht es ums \berleben, hier geht der Alltag weiter. Nicht jede Beziehung ist diesem Druck gewachsen - die Geschichte zweier Partnerschaften, die daran zerbrochen sind.

Ganz fest hdlt Anne*, 21, ihren Freund in den Armen, k|sst ihn immer wieder sanft auf die Schldfe. An der Schulter ist ihr T-Shirt nass von seinen Trdnen. Nie zuvor hat sie Martin*, 24, weinen gesehen. Ihren starken Martin, der immer jedem half und nie selbst Hilfe brauchte. Schon seit 20 Minuten sitzen die beiden allein auf der Terrasse. Aus dem Wohnzimmer drvhnt laute Musik der Willkommensparty.

Die Muffins, auf die Anne Schoko-Herzen gelegt hat, sind fast alle. Auf dem Fernseher steht ein Teddybdr in Bundeswehruniform - ein verspdtetes Geburtstagsgeschenk f|r Martin. Davor eine Karte: "Schvn, dass Du wieder da bist." Einige Partygdste tanzen neben dem Esstisch. Es ist, als w|rde keiner merken, dass Anne und Martin gar nicht mehr dabei sind.

Gerade erst ist Martin vom Afghanistan-Einsatz nach Wilhelmshaven zur|ckgekehrt. Er war in der Provinz Masar-i-Sharif: drei Monate, in denen Bomben explodierten und die vertraute Heimat weit weg war. Drei Monate, in denen Anne ihren Liebsten nicht sehen konnte - so lange wie nie zuvor in ihrer fast f|nfjdhrigen Beziehung.

Anne wollte seine R|ckkehr eigentlich ausgiebig feiern. Doch auf der Party hvrt Martin nicht auf zu weinen. Schluchzend erzdhlt er seiner Freundin von den schrecklichen Erlebnissen in Afghanistan und davon, wie einsam er sich f|hlte. "Als er in meinen Armen lag, ahnte ich schon, dass ab jetzt alles anders ist", erzdhlt Anne.

Dass sie bereits vier Wochen spdter wieder Single sein w|rde, ahnte sie an jenem Tag nicht.

Nach der R|ckkehr blieb den beiden nur noch ein gemeinsamer Monat. Dann zerbrach die Beziehung. Zu weit hatten sie sich bereits voneinander entfernt, Anne war ihr Partner fremd geworden.

"Schaff dir endlich Internet an, ich bin jetzt in Afghanistan"

Rund 4500 Bundeswehrsoldaten sind derzeit in Afghanistan. "F|r Paare ist der Auslandseinsatz eine extreme Belastung und eine extreme Herausforderung", sagt Martina M|ller. Die Sozialpddagogin arbeitet f|r die katholische Arbeitsgemeinschaft f|r Soldatenbetreuung, sie betreut Familien und Paare, die diese Belastung auszuhalten haben.

"Wenn Soldaten nach Hause kommen, prallen Welten aufeinander", sagt sie. Wdhrend die Daheimgebliebenen im gewohnten Alltag leben, "arbeiten die Soldaten sieben Tage die Woche, haben kein Privatleben und sind konfrontiert mit einer vvllig fremden Kultur, wenn sie das Lager einmal verlassen". Wdhrend sich die Partner immer nach Ndhe sehnen, haben Soldaten ihrer Erfahrung nach oft das Bed|rfnis, allein zu sein.

"Eine private Willkommensparty muss f|r den R|ckkehrer nicht unbedingt die richtige Art sein, anzukommen, f|r manche wird das zu schnell gehen." Gerade f|r junge Leute sei es aber schwierig, sich und den anderen richtig einzuschdtzen, "bei ihnen ist das oft noch nicht einge|bt". Das wichtigste sei, |ber die Bed|rfnisse zu reden.

Auch Louisa*, 20, hdtte gern geredet. \ber ihre Dngste und |ber die Gefahr, in die sich ihr Freund begibt. Zu gern hdtte sie wissen wollen, warum Dominik*, 20, weg will. Warum er es riskiert, nie wieder zu ihr zur|ckzukommen. Wenigstens verabschiedet hdtte sie sich gern.

Doch dazu lie_ Dominik ihr keine Chance. Stattdessen gab es einen k|hlen Anruf: "Hallo Louisa. Schaff dir endlich Internet an. Ich bin jetzt in Afghanistan. Telefonieren ist zu teuer", sprach er auf ihre Mailbox. Das war im Herbst 2008.

In Uniform durchs Dorf

\ber zwei Jahre lang waren sie unzertrennlich gewesen. Auch als Dominik zur Bundeswehr ging, blieben die beiden zusammen. Doch auf den Anruf aus Afghanistan folgte bald die Trennung. Dabei war Dominik nur einen Monat lang weg. Sein Fahrzeug wurde getroffen, sein bester Freund wurde schwer verletzt. Er selbst kam mit einigen gebrochenen Rippen davon. Den Einsatz musste er vorzeitig abbrechen.

"Ich war so erleichtert, als er endlich wieder in Deutschland gelandet war", erzdhlt Louisa. Schon am ndchsten Tag wurde die BWL-Studentin von der Realitdt eingeholt. Dominik hatte sich verdndert. Mit stolzgeschwellter Brust ging er mit ihr durch die Stra_en ihres Heimatdorfes nahe Hannover, weigerte sich, seine Uniform in der Freizeit gegen Jeans und T-Shirt zu tauschen.

"Ich verdiene jetzt viel Geld. Jetzt kann ich dir endlich etwas bieten", sagte er seiner Freundin immer wieder und merkte nicht, wie sehr sie sich ihren alten Dominik zur|ck w|nschte. Den Dominik, der als Gabelstaplerfahrer Chips-T|ten durch Lagerhallen fuhr und sich nie in den Vordergrund drdngte. Einige Wochen lang versuchte sie mit ihm zu sprechen. Vergebens. Als Dominik sich nicht davon abbringen lassen wollte, wieder ins Ausland zu gehen, war das zu viel f|r Louisa. Sie trennte sich.

Der Einsatz im Ausland verdndere jeden Soldaten, sagt Sozialpddagogin M|ller. Partner sollten sich darauf einstellen, sie sollten auch akzeptieren, "wenn der R|ckkehrer das Bed|rfnis hat, nicht |ber seine Erlebnisse zu sprechen".

Der Psychologe und Paartherapeut Christian Hemschemeier rdt sogar dazu, sich mit Fachliteratur vorzubereiten: "Schon im Vorfeld sollte man mal ein Buch in die Hand nehmen und sich |ber die Folgen von traumatischen Erlebnissen informieren", rdt Hemschemeier. "Dann kann man Symptome vielleicht erkennen, sie richtig einordnen und dar|ber reden."

Dass Soldaten wie Dominik wieder zur|ck ins Einsatzgebiet wollen - trotz traumatischer Erlebnisse - |berrascht ihn nicht: "Man mvchte seine Kameraden nicht im Stich lassen und kehrt deshalb zur|ck."

Anne wiederum kann sich nicht vorstellen, dass Martins Einsatz etwas mit seinem Pflichtgef|hl zu tun hat. "Er hat sich gerade erst ein neues Auto gekauft und auch sonst seinen Lebensstil verdndert", erzdhlt sie. "Die bekommen dahinten einfach alle verdammt viel Geld. Daf|r nehmen sie die ganzen Belastungen in Kauf."

Damit meint Anne vor allem die Angst, die Martin schwer belastete und sie ebenfalls. "Ich bin unfassbar sensibel f|r das Wort Afghanistan geworden. Wenn im Radio oder im Fernsehen jemand |ber Soldaten oder Bombenangriffe sprach, war ich immer sofort hellwach", sagt sie. Sogar wdhrend ihres Aushilfsjobs im Bistro eines Schwimmbads konnte sie nie abschalten. "Wenn ich hvrte, dass Gdste |ber Afghanistan sprachen, habe ich mich immer in der Ndhe ihres Tisches aufgehalten, um jedes Wort heimlich mitzuhvren."

Die spdrlichen Informationen, die sie von Martin bekam, halfen selten weiter. Nach den Vorlesungen jobbte die Wirtschaftsstudentin fast jeden Nachmittag. Wegen der dreist|ndigen Zeitverschiebung konnte sie mit Martin aber nur bis 19 Uhr chatten oder telefonieren. F|r lange Gesprdche blieb da selten Zeit.

"Ich hdtte gern mehr mit Anne gesprochen. Aber wir hatten kaum die Gelegenheit dazu. Hinzu kam, dass Telefongesprdche und auch die Internetverbindung teuer waren", erzdhlt Martin. "Deshalb habe ich mir in meiner Truppe einen Kameraden gesucht, dem ich alles erzdhlen konnte. So haben es dr|ben eigentlich alle gemacht."

Eine Nacht des Hoffens und Bangens

In einer Nacht tippte Martin in sein Handy: "Liebling, hier bebt die Erde. Hier fallen Bomben - ich liebe dich." Die SMS erreichte Anne um drei Uhr nachts. Bis zum ndchsten Morgen versuchte sie ihren Freund anzurufen, schrieb unzdhlige Nachrichten. Erst nach ein paar Stunden kam das erlvsende Lebenszeichen: Martin war nichts passiert. Was er in dieser Nacht als Bomben beschrieb, waren Explosionen improvisierter Sprengvorrichtungen der Aufstdndischen.

Als dhnlich schrecklich erlebte Anne eine andere Situation: Nach einem Streit am Telefon meldete sich Martin eine ganze Woche nicht bei ihr. Gleichzeitig dominierten Schlagzeilen |ber tote Soldaten die Tagespresse. In dieser Woche konnte Anne weder richtig schlafen noch essen. An Vorlesungen war f|r sie gar nicht zu denken.

"Ich glaube, unsere Beziehung ist auch daran gescheitert, dass wir einfach nicht richtig miteinander sprechen konnten", sagt Anne heute. "Ich wollte die ganze Zeit mit ihm dar|ber reden, aber ich habe mich oft nicht getraut, Fragen zu stellen. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst vor der Antwort."

Auch Martin hatte Probleme, sich seiner Freundin anzuvertrauen: "Ich hdtte gerne |ber alles mit ihr gesprochen. Aber ich konnte einfach keine Worte finden f|r das, was ich erlebt habe."

"Als er vom anstehenden Einsatz erzdhlte, bin ich abgehauen"

Momentan ist Martin im Kosovo im Einsatz. Die Infrastruktur ist viel besser als in Afghanistan, fast tdglich kann er im Internet surfen und mit Freunden und Familie chatten. Anne ist immer noch ein Teil seines Lebens. Eine Neuauflage ihrer Beziehung ist f|r beide jedoch ausgeschlossen.

Auch f|r Louisa und Dominik gibt es wohl keine Hoffnung mehr. Kurz nach der Trennung stand er noch einmal vor ihrer Haust|r, versprach aus der Bundeswehr auszutreten, wenn er noch einmal eine Chance bekdme. Louisa hatte genug - sie knallte die T|r ins Schloss und brach den Kontakt endg|ltig ab.

Dabei hdlt Psychologe Christian Hemschemeier ein Liebescomeback nicht f|r unmvglich: "Besonders bei Trennungen, die in einer Ausnahmesituation oder aus Affekt entstehen, lohnt es sich, einen Neuanfang zu probieren."

Davon wollen die beiden Frauen nichts wissen. Sie sind auf der Suche nach einer neuen Beziehung. Und wenn es ein Soldat wdre? F|r Anne kommt das nicht in Frage. "Ich hatte neulich ein Date mit einem vom Bund", sagt sie. "Er war wirklich nett, aber ich musste die ganze Zeit an Martin denken. Als er mir dann noch stolz von seinem anstehenden Afghanistaneinsatz erzdhlte, bin ich abgehauen."

Louisa reagiert zvgernd auf die Frage. Sie mvchte nichts ausschlie_en: "Man hat ja keine Kontrolle dar|ber, wann es einen erwischt", erkldrt sie vorsichtig. "Au_erdem haben doch besonders Soldaten ein bisschen Liebe verdient."

(*Namen gedndert)

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Der Artikel ist im Rahmen eines Lehrprojekts an der Macromedia Hochschule f|r Medien und Kommunikation (MHMK) in Hamburg in Zusammenarbeit mit dem UniSPIEGEL entstanden. Die Dozenten waren Professor Stephan Weichert und Initiator Roman Przibylla, SPIEGEL ONLINE zeigt die besten Texte.

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