Kampf um Wirecard L??st die Kanzlei aus Singapur den Fall?

Wirecard-Mitarbeiter k??nnten Bilanzen manipuliert haben, ??ber diesen Verdacht schrieb die "Financial Times". Man sei Opfer von Marktmanipulation, sagt Konzernchef Markus Braun. Schon bald k??nnte sich zeigen, wer Recht hat.

Wirecard-Firmensitz in Aschheim
Christof Stache/ AFP

Wirecard-Firmensitz in Aschheim

Von und


Die verflixte Bandscheibe. Als h??tte Jan Marsalek nicht genug ??rger, plagen den Chief Operating Officer (COO) der Wirecard AG jetzt auch noch heftige R??ckenschmerzen. Eine Zeitlang konnte der Mann f??rs Tagesgesch??ft bei dem Dax-Konzern aus Aschheim bei M??nchen nicht einmal mehr fliegen.

Dabei war Flugmeilen sammeln jahrelang Marsaleks Hobby. Zusammen mit Vorstandschef und Gro??aktion??r Markus Braun pumpte er den Zahlungsabwickler aus dem 8000-Seelen-Nest Aschheim bei M??nchen durch ??bernahmen rund um den Erdball zu einem Milliardenkonzern auf.

Wirecard stellt sich zwischen H??ndler und Endkunden und sichert zu, dass der Online-Bezahlvorgang klappt. Damit verdient das Unternehmen Geb??hren; die Margen sind gering, es kommt auf die Masse an. Heute wickelt Wirecard weltweit Online-Eink??ufe f??r mehr als 100 Milliarden Euro ab.

Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte aus der deutschen Provinz, geschrieben von Marsalek und Braun. Zwei ??sterreichern, die Wirecard seit fast 20 Jahren auf klandestine Art f??hren. Ende September verdr??ngte Wirecard die Commerzbank aus dem Dax.

Doch seit dem Aufstieg in den B??rsenolymp steckt Wirecard fest in einem Gestr??pp aus Vorw??rfen und Ger??chten; es geht um mutma??liche Bilanzmanipulation und fingierte Ums??tze bei Wirecards Asien-T??chtern. Der Fall ist ein Wirtschaftskrimi. Als Antagonisten stehen sich gegen??ber: Die "Financial Times" (FT) in London, Ikone des Kapitalmarktjournalismus, wenige Medien genie??en solche Glaubw??rdigkeit. In mehreren Artikeln hat die FT seit dem 30. Januar schwere Vorw??rfe gegen Wirecard erhoben. Auf der anderen Seite stehen die Aufsteiger aus Aschheim, angef??hrt von Markus Braun, der die Vorw??rfe scharf dementiert und mit der Behauptung kontert, Opfer von Kursmanipulation zu sein. Finanzaufsicht und Staatsanwaltschaft teilen diesen Verdacht und ermitteln.

Das n??chste Kapitel des Krimis d??rfte die Anwaltskanzlei Rajah & Tann (R&T) schreiben. Die Soziet??t aus Singapur will in K??rze ihren Schlussbericht ??ber die Vorg??nge bei Wirecard in Asien ver??ffentlichen.

In einem vorl??ufigen ersten Dossier hatte R&T im Mai 2018 erhebliche Missst??nde ausgemacht. Die FT schlachtete das Papier und anderes brisantes Material aus, warf Wirecard vor, Vertr??ge und Rechnungen zu f??lschen und Ums??tze aufzubl??hen. Die Aktie brach ein.

Auch dem SPIEGEL liegt der vorl??ufige Bericht sowie ein Teil des umfangreichen Materials vor, auf das die Kanzlei Zugriff hatte. Wenn man sich in die Dokumente vertieft, lassen sich darin Hinweise finden, dass Wirecard-Mitarbeiter fragw??rdige Buchungen get??tigt haben sollen. Zugleich gibt es Indizien, die Zweifel am Wert des Untersuchungsberichts wecken. Die Kluft zwischen den Sichtweisen der beiden Antagonisten werden wom??glich erst die Ermittlungsbeh??rden schlie??en k??nnen.

Schl??ge und Gegenschl??ge im Tagestakt

Fast im Tagestakt tauschten FT und Wirecard in den vergangenen Wochen Schl??ge aus. Schrieb die FT, von Hinweisen auf gef??lschte und r??ckdatierte Vertr??ge, erwiderte Wirecard, es sei "klar, dass der Journalist mit falschen Informationen versorgt wurde", und deutete an, Ziel sei es gewesen, den Wirecard-Kurs zu manipulieren, ein Vorwurf, den wiederum die FT hart dementierte.

Es ist normal, dass Medien ??ber gut begr??ndete Verdachtsf??lle berichten, auch wenn dies starke Kursbewegungen ausl??st, hat es zun??chst nichts mit Marktmanipulation zu tun. Es k??nnte aber in der Auseinandersetzung um Wirecard letztlich auch um die Frage gehen, ob sich die FT zum Zwecke der Marktmanipulation instrumentalisieren lie??.

Der 31 Seiten lange vorl??ufige Bericht von R&T vom 4. Mai 2018 erhebt zwar drastische Vorw??rfe. Doch er wurde binnen weniger Tage erstellt, basiert ??berwiegend auf Aussagen eines einzelnen Whistleblowers und belegt konkrete Vorw??rfe zu einzelnen Vorg??ngen kaum stichhaltig.

Die FT zitiert jedoch in ihren Artikeln zus??tzlich aus E-Mails und verweist auf zahlreiche Dokumente, die aus ihrer Sicht klare Hinweise auf Unregelm????igkeiten bei Wirecard in Asien und eine fr??hzeitige Kenntnis solcher Vorg??nge der Konzernf??hrung in M??nchen enthalten.

Merkw??rdigkeiten um den Abschlussbericht

Der f??r die n??chsten Tage zu erwartende Abschlussbericht der Kanzlei d??rfte mehr Licht in die Aff??re bringen. Aber warum erkl??rte Wirecard schon im Februar, dass der finale Bericht das Unternehmen entlasten werde? Warum teilte R&T selbst am 3. Februar mit, bisher habe man kein kriminelles Verhalten von Mitarbeitern oder Vorst??nden des Konzerns feststellen k??nnen, obwohl das vorl??ufige Fazit von R&T doch ganz anders klang?

Das R&T-Team aus zwei Partnern und drei Anw??lten, die das erste, vorl??ufige Dossier verfasst hatten, ist mittlerweile aufgel??st. Eine Anw??ltin hat R&T verlassen, zwei weitere finden sich nicht in der Mitarbeiterliste der Kanzlei. Kommentieren will die Kanzlei die Personalien und die Umst??nde, unter denen das erste Dossier verfasst wurde, nicht.

Schwere Vorw??rfe, harte Dementis, all das begleitet von heftigen Kursschwankungen und dem Verdacht der Marktmanipulation - die Vorg??nge wecken Erinnerungen an das Jahr 2016.

Seinerzeit kursierten Berichte der Internetplattform Zatarra Research ??ber Wirecards Gesch??ftsgebaren. Sie basierten auf ??ffentlich zug??nglichen Informationen, die geschickt aufbereitet waren und Wirecard in schlechtes Licht r??ckten. Meist ging es um Online-Gl??cksspiele, f??r die Wirecard Zahlungen abgewickelt haben soll und die teils illegal gewesen sein sollen. Nichts davon lie?? sich erh??rten, der Kurs schnellte wieder nach oben.

Anstieg der Leerverk??ufe

Jetzt, drei Jahre sp??ter, stammen die Informationen aus dem Konzern selbst, beglaubigt von dem Dossier einer renommierten Kanzlei und ver??ffentlicht ??ber die FT, die offenbar schon einige Zeit vor der ersten Ver??ffentlichung das Dossier sowie umfangreiche Dokumente und Mails kannte. Woher das brisante Material kam ist unbekannt, Medien ??u??ern sich grunds??tzlich nicht zu ihren Informanten.

Ab Herbst 2018 stieg moderat, aber stetig der Umfang so genannter Leerverk??ufe von Wirecard-Aktien. Dabei leihen sich Anleger - meist Hedgefonds - Aktien, um sie "leer" zu verkaufen, so den Kurs zu dr??cken, sich sp??ter g??nstiger wieder einzudecken, die Papiere an den Verleiher zur??ckzugeben und die Differenz als Gewinn einzustreichen. Im Umfeld von Wirecard schlie??t man aus dem Anstieg dieser Leerverk??ufe, dass Investoren schon im Herbst wussten, dass f??r Wirecard brisantes Material im Umlauf war. Deutlich stiegen die Leerverk??ufe aber erst nach Ver??ffentlichung des ersten FT-Berichts an.

Wer, wann, was wusste und dieses Wissen nutzte, das ermittelt nun die Staatsanwaltschaft in M??nchen, die dem Verdacht der Markmanipulation nachgeht und Rechtshilfeersuchen gestellt hat, um der Sache auch im Ausland auf den Grund zu gehen.

Nach der Zatarra-Attacke von 2016 ermittelte die Staatsanwaltschaft M??nchen gegen 39 Personen wegen Marktmanipulation. 38 Verfahren wurden eingestellt, eines gegen Geldauflage. Nur gegen den Zatarra-Mitgr??nder Fraser Perring hat die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl beantragt, dar??ber entscheidet in K??rze das Amtsgericht M??nchen.

Wirecard wehrt sich gegen die neuerlichen Angriffe mit harschen Methoden. In Singapur, wo die Beh??rden wegen der in der FT publizierten Vorw??rfe ermitteln, wehrt sich der Konzern gerichtlich: die Ermittler h??tten bei einer Durchsuchung ihr Mandat ??berschritten. Die Beh??rden wiederum f??hlen sich von dem Konzern in ihrer Arbeit behindert. Wirecard erkl??rt, voll mit den Beh??rden zu kooperieren.

Drei Szenarien, wie der Krimi ausgehen k??nnte

Wie wird der Krimi um Wirecard enden? Drei Szenarien dr??ngen sich auf.

  • Erstens, die FT irrt, und die Vorw??rfe, Wirecard-Mitarbeiter h??tten Bilanzen gesch??nt, Vertr??ge gef??lscht und betrogen, l??sen sich in Luft auf. F??r die FT w??re das mit einem enormen Imageschaden verbunden. Eine solche Entwicklung d??rfte den Verdacht n??hren, der Markt sei mit gezielt lancierten falschen Vorw??rfen gegen Wirecard manipuliert worden.
  • Zweitens k??nnten der R&T-Abschlussbericht oder die Untersuchungen der Beh??rden in Singapur ergeben, dass die in der FT erhobenen Vorw??rfe wahr sind, und sei es nur zum Teil.

Das d??rfte den Aktienkurs zerschie??en, Wirecards F??hrung um Braun und Marsalek w??re kaum zu halten. Es d??rfte f??r das Unternehmen schwer sein, einen solchen Vertrauensverlust auszub??geln.

Auch ein solches Szenario schlie??t Insiderhandel oder Marktmanipulation nicht aus. Denn selbst wenn die Vorw??rfe gegen Wirecard stimmen, k??nnten Investoren Informationen dar??ber unrechtm????ig genutzt haben, um davon zu profitieren.

Es ist schwer vorstellbar, dass die "Financial Times" oder die Wirecard-F??hrung mit ihrer aggressiven Kommunikation zu der Aff??re bewusst das Risiko des gro??en Knalls eingegangen sind, welches jedes dieser beiden Szenarien f??r einen der beiden Antagonisten bedeuten w??rde.

  • Weshalb ein drittes Finale des Krimis denkbar ist. Haben Wirecard-Mitarbeiter in Asien Vertr??ge gef??lscht und Gesch??fte vorget??uscht, um sich selbst zulasten des Unternehmens zu bereichern?

Gut s??he Wirecard auch in diesem Finale nicht aus, m??sste sich das Unternehmen doch mangelhafte Kontrollen vorhalten lassen. Der GAU aber bliebe wohl aus. Die Architekten des wundersamen Aufstiegs, vor allem Braun und sein Vertrauter Marsalek, verschafften sich Luft.

Druck von innen sp??ren Braun und Marsalek kaum: Der sechsk??pfige Aufsichtsrat gilt als schwach. Einzig Finanzvorstand Alexander von Knoop, so hei??t es intern, gehe vorsichtig auf Distanz, vor allem zu Marsalek.

Frieden, so viel ist sicher, wird in Aschheim so schnell nicht einkehren.

insgesamt 4 Beitr??ge
Alle Kommentare ??ffnen
Seite 1
spon-4dp-0s99 14.03.2019
1. Krieg ist gut f??rs Gesch??ft
... und das ganze ist halbseiden. Meiner Meinung nach wird da viel Rummel um wenig bis gar nichts gemacht. Ein Konzern mit 1.5 Milliarden Umsatz und 419 Mio. Gewinn - und dann geht es in den Vorw??rfen um ein paar Millionen Euro die 100 Mio B??rsenwert vernichten. Klar steckt da Absicht dahinter. Die Aktie f??llt, man kauf sich billig ein, die Aktie geht in die Rallye, man verkauft, die Aktie f??llt... etc. oder anders gefragt: diese Vorw??rfe sind ja nun nicht neu, wieso investieren denn dann "ach so besorgte Investoren" direkt als die Aktie am Boden liegt im dreistelligen Millionenbereich in die Aktie - nur um dann wieder in gleicher Gr????e wieder direkt auszusteigen. Reine Gewinnmitnahmen sind das nicht. Das einzige wirkliche Problem ist die mangelhafte Kommunikation durch Wirecard selbst. Ein Tweet des CEO aus letzter Woche lies die Kurse um 10% nach oben schnellen. Davon ein paar mehr w??re gut. Ich tippe auf: Die Vorw??rfe werden entkr??ftet bzw. der Verlust ist marginal - am 04. April 19, wenn die Zahlen f??r 2018 ver??ffentlicht werden und die Prognose f??r 2019 schie??t das ganze wieder nach oben (und zwar mit den Investoren die vorher ausgestiegen sind und die Aktien gerade wieder billig zur??ck kaufen).
In Vino Veritas 15.03.2019
2. B??rsenwissen?
Zitat von spon-4dp-0s99... und das ganze ist halbseiden. Meiner Meinung nach wird da viel Rummel um wenig bis gar nichts gemacht. Ein Konzern mit 1.5 Milliarden Umsatz und 419 Mio. Gewinn - und dann geht es in den Vorw??rfen um ein paar Millionen Euro die 100 Mio B??rsenwert vernichten. Klar steckt da Absicht dahinter. Die Aktie f??llt, man kauf sich billig ein, die Aktie geht in die Rallye, man verkauft, die Aktie f??llt... etc. oder anders gefragt: diese Vorw??rfe sind ja nun nicht neu, wieso investieren denn dann "ach so besorgte Investoren" direkt als die Aktie am Boden liegt im dreistelligen Millionenbereich in die Aktie - nur um dann wieder in gleicher Gr????e wieder direkt auszusteigen. Reine Gewinnmitnahmen sind das nicht. Das einzige wirkliche Problem ist die mangelhafte Kommunikation durch Wirecard selbst. Ein Tweet des CEO aus letzter Woche lies die Kurse um 10% nach oben schnellen. Davon ein paar mehr w??re gut. Ich tippe auf: Die Vorw??rfe werden entkr??ftet bzw. der Verlust ist marginal - am 04. April 19, wenn die Zahlen f??r 2018 ver??ffentlicht werden und die Prognose f??r 2019 schie??t das ganze wieder nach oben (und zwar mit den Investoren die vorher ausgestiegen sind und die Aktien gerade wieder billig zur??ck kaufen).
Es geht hier schon darum, welche Integrit??t Wirecard als Untenrehmen hat. Die Gewinnmargen von Wirecard waren und sind verd??chtig, gerade im Vergleich mit Konkurrenzunternehmen in diesem Fintech-Sektor. Hier kann schon mehr im Busch sein, als sie glauben. In dubiose Unternehmen investiert niemand - Stichwort: Risk for Total Capital Loss. Warum die Kursevolumen so stark schwanken, liegt allein in der heutigen B??rsenzockerei auf Volalit??t.Solche Bewegungen in einem Schwergewicht an der B??rse generieren immer hohe Ums??tze an der B??rse allein wegen des Optionshandels. "Ein Tweet l??sst Kurse nach oben schnellen". Und diese Art von Kursmanipulation ohne Substanz ist anchhaltig,, okay? Der Aberverkauft dieser Nachricht ist ja schon wieder voll im Gange.
lupulsas 15.03.2019
3. Der Aufstieg diese wenig bekannten Unternehmens,
verbunden mit dem Verdr??ngen der Commerzbank war recht ungew??hnlich. F??r so einen Fall w??rde ich erwarten, dass zust??ndige Kontrollorgane z.B. B??rsenaufsicht, Bafin, schon genau pr??fen, wen man auf die Menschen losl????t. Offensichtlich wurde leichtfertig gehandelt. Dann muss man sich nicht wundern, dass der normale Mensch nicht in Aktien investieren mag, obwohl das ggf. sinnvoll w??re.
till_wollheim 15.03.2019
4. Es ist ganz klar, da?? da nichts nachkommt!
Der CEO Braun w??re ja mit dem Klammerbeutel blau und gr??n gepudert, wenn er angesichts der Vorw??rfe L??gen verbreiten w??rde - zumal es nur um Peanuts geht. Selbst wenn - was sicherlich nicht! - Mitarbeiter auf eigene Rechnung manipuliert h??tten, k??nnte man nicht einmal der Wirecard mangelhafte Kontrolle vorwerfen, denn sie war es selbst, die R&T mandatiert hatten - vor ??ber einem Jahr! - diese Vorg??nge auf zu kl??ren!!
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