Mindestlohn f??r Azubis Pl??doyer gegen die Tarifflucht

Auszubildende sollen bald einen Mindestlohn bekommen. Doch der Gesetzentwurf hat eine entscheidende Schw??che: Nicht die Azubis sind die Gewinner, sondern die Gewerkschaften. Die m??ssen sich jetzt einsetzen.

Demonstration in Hamburg (Symbolbild)
DPA

Demonstration in Hamburg (Symbolbild)


Waschen, schneiden, f??hnen f??r 200 Euro. Was Ihnen vielleicht teuer vorkommt, ist f??r eine angehende Friseurin in Sachsen Realit??t. Denn es geht hier nicht um den Preis, den Sie f??r Ihren neuen Schnitt samt Kopfmassage und F??hnfrisur hinbl??ttern sollen. Sondern um den Monatslohn, den die Auszubildende im ersten Lehrjahr erh??lt.

Zu wenig, findet Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Sie hat am Mittwoch einen Gesetzentwurf durchs Kabinett gebracht, der f??r Azubis eine sogenannte Mindestverg??tung vorschreibt. 515 Euro sollen Auszubildende ab 2020 im ersten Lehrjahr bekommen. Im zweiten kommen 18 Prozent drauf, im dritten 35. So werde "dem steigenden Beitrag Auszubildender zur betrieblichen Wertsch??pfung sp??rbar Rechnung getragen", hei??t es aus dem Ministerium.

Denn Azubis lernen zwar noch, sind aber in den Betrieben bereits eine wichtige - und bisher oft billige - Arbeitskraft. Sie leisten h??ufig ??berstunden und k??mmern sich gerade im ersten Ausbildungsjahr oft um die Drecksarbeit,wie diese angehende Friseurin erz??hlt.

Diese Arbeitskraft ist aus Sicht des Handwerks nun in Gefahr. Besonders in Ostdeutschland, wo die L??hne f??r Azubis oft deutlich niedriger sind als im Westen, w??rden kleine Betriebe durch den Mindestbetrag stark belastet.

Dieses Argument wurde bereits durch den Mindestlohn widerlegt. Die Wirtschaft ist nach der Einf??hrung der Lohnuntergrenze entgegen allen Bef??rchtungen nicht kollabiert. Allerdings gab es hier ??bergangsfristen, etwa f??r das Friseurhandwerk. Mittlerweile wird aber auch dort der Mindestlohn von zurzeit 9,19 Euro gezahlt. Die Ausbildungsverg??tung ist im Vergleich ein Dumpinglohn.

Tarifvertrag steht ??ber dem Gesetz

Doch die Angst bleibt: Die Betriebe w??rden nicht mehr ausbilden, so bef??rchtet etwa der S??chsische Handwerkstag - und verlieren die Jugend an den Westen.

Allerdings wird der eine oder die andere wohl schon heute abwandern. Bekommt die angehende Friseurin in den westdeutschen Bundesl??ndern doch mehr als das Doppelte: 498 Euro betr??gt die Verg??tung im ersten Ausbildungsjahr dort durchschnittlich.

Die gro??en Unterschiede in der Bezahlung sind ein Grund f??r den Entwurf. Werden die Differenzen zu gro??, muss die Politik eine Untergrenze einziehen, so die Idee des Gesetzes.

Die Krux: Die Bundesregierung will in die Tarifhoheit nicht eingreifen. Gibt es einen Tarifvertrag, der wie beim Beispiel Sachsen 200 Euro im ersten Lehrjahr vorsieht, steht der ??ber dem Gesetz.

Der Nachwuchsmangel ist hausgemacht, sagt Ver.di

Einen positiven Nebeneffekt aber hat der Entwurf dennoch: Er ist ein Argument gegen die Tarifflucht. Und damit ein Pl??doyer f??r die St??rkung der Arbeitnehmerrechte. Denn immer mehr Betriebe verabschieden sich aus dem Tarif, wie das WSI-Tarifarchiv der Hans-B??ckler-Stiftung j??ngst analysiert hat.

Waren Mitte der Neunzigerjahre in Westdeutschland noch 60 Prozent und in Ostdeutschland 44 Prozent der Betriebe tarifgebunden, waren es Stand 2017 nur noch 29 Prozent im Westen und 20 Prozent im Osten. Bei der Ausbildung wird der fehlende Tarifvertrag damit zum Nachteil: Denn gibt es keinen, gelten automatisch die 515 Euro Mindestlohn.

Gibt es bereits einen Vertrag, der wie etwa bei Sachsens Friseur-Azubis deutlich unter der Mindestverg??tung liegt, haben die Gewerkschaften mit der Mindestverg??tung ein zus??tzliches Argument parat. Denn legen die Arbeitgeberverb??nde nicht noch Geld drauf, bliebe immer noch die K??ndigung.

Unternehmen profitieren im ??brigen von einer guten Bezahlung der Azubis. Denn gut qualifizierte Jugendliche haben angesichts der vielen unbesetzten Lehrstellen mittlerweile die Wahl. Das Friseurhandwerk sp??rt das bereits: Die Bewerberzahlen sind zuletzt noch mal um knapp f??nf Prozent gesunken. Der Nachwuchsmangel, sagt die Gewerkschaft Ver.di, ist hausgemacht.

Doch diese Entwicklung l??sst sich aufhalten: Wenn Azubis gut behandelt und fair bezahlt werden. Eine angemessene Bezahlung jedoch beginnt erst bei Betr??gen deutlich oberhalb von 200 Euro - Betr??ge, bei denen Sie sicher nicht mehr an einen einzelnen Haarschnitt denken w??rden.

insgesamt 15 Beitr??ge
Alle Kommentare ??ffnen
Seite 1
neutron76 15.05.2019
1. Wo ist der Mindestlohn f??r Azubis ??berhaupt relevant?
Bei allen anderen Berufen au??erhalb des Friseurhandwerks wird ohnehin mehr als der Mindestlohn bezahlt. Im Handwerk sogar noch deutlich mehr als in der Industrie, da die Azubis in der Industrie praktisch nicht produktiv arbeiten.
Der Name 15.05.2019
2. Mindestlohn...
F??r alle Azubis. Daf??r sollte man mit Steuererleichterungen f??r unternehmen gegensteuern wenn diese Unternehmen ausbilden. Nat??rlich bringen Azubis im ersten Lehrjahr kein Geld, aber die drecksarbeit musste wohl jeder Azubi schon mal machen. Ob nun putzen, Kaffee kochen oder sortieren. Jeder hat aber das Recht auf Mindestlohn. K??nnen sich dann die Betriebe die Azubis leisten dann arbeiten sie nicht wirtschaftlich und nicht fair genug.
m.w.r. 15.05.2019
3. ?
Zitat von neutron76Bei allen anderen Berufen au??erhalb des Friseurhandwerks wird ohnehin mehr als der Mindestlohn bezahlt. Im Handwerk sogar noch deutlich mehr als in der Industrie, da die Azubis in der Industrie praktisch nicht produktiv arbeiten.
Viele Auszubildende z.B. im Hotel und Gastst??ttengewerbe oder in der Landwirtschaft liegen mit ihren Ausbildungsverg??tungen weit unter Mindestlohnniveau. Die jetzt angestrebte Entlohnung erreicht auch kein Mindestlohnniveau . Wo beginnt f??r sie Industrie und wer sagt das in gro??en Betrieben nicht produktiv gearbeitet wird von Ausztzubildenden.
m82arcel 15.05.2019
4.
Warum so kompliziert? Es sollte f??r Auszubildende schlicht auch der gesetzliche Mindestlohn gelten - ab dem ersten Lehrjahr. Sicher werden einige Dienstleistungen hierdurch teurer und manch Laden wird sich das Ausbilden ggf. nicht mehr leisten k??nnen und folglich mangels Nachwuchs schlie??en m??ssen. So ist das Leben. Manch eine Branche sollte dies als Chance zur Erneuerung und Modernisierung sehen - gerade im Friseur-Bereich wird seit Jahrzehnten exakt gleich gearbeitet: viele, viele kleine Salons (mit st??ndigem Leerlauf), Termine kann man nur pers??nlich machen (muss also hinfahren, um einen Termin f??r einen anderen Tag zu vereinbaren), etc.
Freier.Buerger 15.05.2019
5.
Zitat von m82arcelWarum so kompliziert? Es sollte f??r Auszubildende schlicht auch der gesetzliche Mindestlohn gelten - ab dem ersten Lehrjahr. Sicher werden einige Dienstleistungen hierdurch teurer und manch Laden wird sich das Ausbilden ggf. nicht mehr leisten k??nnen und folglich mangels Nachwuchs schlie??en m??ssen. So ist das Leben. Manch eine Branche sollte dies als Chance zur Erneuerung und Modernisierung sehen - gerade im Friseur-Bereich wird seit Jahrzehnten exakt gleich gearbeitet: viele, viele kleine Salons (mit st??ndigem Leerlauf), Termine kann man nur pers??nlich machen (muss also hinfahren, um einen Termin f??r einen anderen Tag zu vereinbaren), etc.
Ok. Das hei??t, dass die Azubis in Gro??betrieben die ersten 1,5 Jahre gar nichts bekommen. Da sind sie nur in der Berufsschule und in verschiedenen Basislehrg??ngen eines oft ??berbetrieblichen Ausbildungsverbundes.
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