Zum Tode von Bibi Andersson Die Unerschrockene

Objekt der Begierde, Handelnde des Begehrens: In "Persona" oder "Die M??dchen" stieg Bibi Andersson tief in die Seele ihrer Figuren hinab, sie drehte Filme nahe der Selbstzerfleischung. Nun ist sie im Alter von 83 Jahren gestorben.

ack Garofalo/ Paris Match/ Getty Images

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Sie sitzt, ach Gottchen, in einem wei??en Kleidchen auf dem Waldboden und pfl??ckt wilde Fr??chte. So sehen wir die gro??e, die starke, die unfassbar schillernde Bibi Andersson in Ingmar Bergmans Drama "Wilde Erdbeeren" aus dem Jahr 1957. Der Film erz??hlt, wie die Erinnerung das Sein beherrscht: Ein alter Professor l??sst sein Leben Revue passieren, und Andersson, bei den Dreharbeiten gerade 21 geworden, spielt das M??dchen, in das sich der Professor als Junge unsterblich verliebt hatte.

Bibi Andersson war in "Wilde Erdbeeren" Objekt der Begierde. Sie war darin aber auch Handelnde des Begehrens. Denn in einer zweiten Rolle ist sie als junge, raubeinige, pfeifenrauchende Tramperin mit Stoppelschnitt zu sehen, als fr??hes Riot Grrrl, das den alten Professor in seiner falschen Nostalgie zurechtstutzt. Projektion und Widerstand, Aufl??sen und Aufbegehren - diese immer wiederkehrenden Grundbewegungen im Schaffen Anderssons tauchen in diesem fr??hen Film bereits auf.

Schon als Teenager hatte Berit Elisabeth Andersson vor der Kamera gestanden, Werbespots und kom??diantische Stoffe erm??glichten ihr den Eintritt ins Filmgesch??ft. In ihren fr??hen Jahren hatte sie - blond, stupsnasig und immer ein unverstelltes L??cheln auf den Lippen - in der Branche den Ruf der "professionellen Unschuld".

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Bibi Andersson: Professionelle Unschuld, mutige Rebellin

Und als solche war sie bereits 1951 auf den aufstrebenden Regisseur Ingmar Bergman getroffen, der damals aufgrund eines Streiks innerhalb der schwedischen Filmindustrie einen Werbespot f??r die Seifenmarke Bris drehte: einen neckischen Dialog in barocken Kost??men ??ber die Angst vor dem Schwei??.

Ewiger Kampf mit Bergman

Bei Angst, Schwei?? und Bergman sollte es bleiben. 13 Filme dreht Andersson mit ihm, darunter Meisterwerke wie "Das siebente Siegel" (1957) oder "Das Teufelsauge" (1960). Zwischenzeitlich sollen die zwei liiert gewesen sein, beide sprachen nicht viel dar??ber. Sp??ter sagte Andersson einmal ??ber die gemeinsame Arbeit: "Ingmar und ich haben gek??mpft, aber diese K??mpfe habe ich nie wirklich verstanden."

Wahrscheinlich k??nnten die Filme von Bergman heute so nicht mehr gedreht werden, da der ??ltere schwierige Regiestar seine j??ngeren umg??nglichen Darstellerinnen darin permanent zu Grenz??bertretungen trieb, die nicht abgesprochen waren. Wie Andersson einmal in aller Ambivalenz ihr Arbeitsverh??ltnis auf den Punkt brachte: Bergman habe sie in eine Schachtel gesteckt, aber in dieser Schachtel habe sie sich selbst gesehen.

Auf die Spitze getrieben wurde dieses Inszenierungsprinzip nahe der Selbstzerfleischung 1966 mit dem experimentellen Psychiatriedrama "Persona": Liv Ullmann, die andere gro??e Bergman-Aktrice, die zum Zeitpunkt des Drehs mit dem Regisseur liiert war, verk??rperte darin eine Schauspielerin, die bei einem B??hnenst??ck verstummt ist, Andersson ihre Krankenschwester, die sie aus der Starre zu quatschen und zu qu??len versucht. Wer ist die Schwache? Wer ist die Starke? Wer bin ich? Wer ist die andere? Und gibt es eine Schnittmenge aus uns beiden?

Eigene Identit??t, fremde Projektion

Die krasseste Szene ist eine ??berblendung der Gesichtsh??lften der beiden Schauspielerinnen; wie Andersson in einem Interview sagte, eine ??berblendung "aus unseren zwei weniger vorteilhaften H??lften". Keine der beiden erkannte sich in dem Bild wieder, man sah nur die andere in dem Gesicht auf der Leinwand. Andersson gruselte sich vor dem Effekt, als sie ihn zum ersten Mal von Bergman vorgef??hrt bekam: "Es ist erschreckend, wenn man seine eigene Identit??t in eine fremde hineinprojiziert erlebt."

Durch "Persona" wurde Andersson ein internationaler Star. Immer wieder kehrte sie zu schwierigen psychologischen und existenzialistischen Stoffen zur??ck: Direkt im Anschluss, im Jahr 1968, drehte sie mit der schwedischen Regisseurin Mai Zetterling "Die M??dchen", ein furioses, selbstreflexives Emanzipationsdrama dreier Schauspielerinnen. 1977 ??bernahm sie in dem Schizophreniedrama "Ich hab' dir nie einen Rosengarten versprochen" die Rolle der Psychiaterin.

Spielen hie?? f??r die Schauspielerin tats??chlich immer unerbittlich die Welt, die Seele, sich selbst zu erforschen. Nach langer Krankheit starb Bibi Andersson, die Unerschrockene, am Montag im Alter von 83 Jahren.



insgesamt 2 Beitr??ge
Alle Kommentare ??ffnen
Seite 1
Agiles 15.04.2019
1.
Der Film "Wilde Erdbeeren" hat mich sehr ber??hrt, ich habe ihn mehrere Male gesehen. ??berhaupt die Filme von Bergmann halte ich f??r einige der besten Filme, die es gibt.
wallererc 16.04.2019
2.
Ohne ??bertreibung eine der eindrucksvollsten Schauspielerinnen, die jemals auf der Leinwand zu sehen waren. Persona war und ist f??r mich eine Offenbarung, Andersson und Ullmann waren brilliant.
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