Schriftsteller Nicolas Mathieu "Ich schreibe f??rs Volk"

Eine Stahlstadt im Niedergang, eine Jugend voller Sehnsucht: Nicolas Mathieu gewann mit seinem Roman "Wie sp??ter ihre Kinder" den Prix Goncourt. Hier spricht der Autor ??ber Krimis und Populismus.

Protestzeichen in Hayange gegen Stahlwerkschlie??ung (2012): "Die Linke hat diese Leute fallen lassen"
REUTERS

Protestzeichen in Hayange gegen Stahlwerkschlie??ung (2012): "Die Linke hat diese Leute fallen lassen"

Ein Interview von


Zur Person
  • Joel Saget/ AFP
    Nicolas Mathieu wurde 1978 in Epinal (Departement Vogesen) geboren und lebt heute in der lothringischen Metropole Nancy. Sein erster Roman, der Krimi "Aux animaux la guerre", erschien 2014 und wurde f??rs Fernsehen adaptiert. Sein zweites Buch wurde 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, es ist unter dem Titel "Wie sp??ter ihre Kinder" im Sp??tsommer auch auf Deutsch erschienen.

SPIEGEL: Monsieur Mathieu, Ihre Romane spielen in Lothringen, in der Region, in der Sie leben. F??hlen sich Ihre Nachbarn richtig beschrieben?

Mathieu: Mein erster Roman war ein d??sterer Krimi. Da hat man mir Vorw??rfe gemacht: "Wie schreiben Sie ??ber unsere sch??ne Gegend?" Doch dann bekam ich den Prix Goncourt f??r das zweite Buch. Da war es, als h??tte ich die Tour de France gewonnen!

SPIEGEL: Der erste Roman ein Krimi, der zweite ein Bildungsroman - Sie scheinen Freude daran zu haben, mit Genres und ihren Regeln zu spielen.

Mathieu: Ein bisschen schon. Wissen Sie: Ich schreibe f??rs Volk. Dann w??re es schade, elit??re B??cher zu schreiben. Also versuche ich, gewisse erz??hlerische Lokomotiven einzuspannen, die alle Leute mitnehmen, und wenn dann alle an Bord sind, bl??ttern wir weiter, und ich kann machen, was mich interessiert: N??mlich von der Welt zu sprechen, wie sie ist.

SPIEGEL: In beiden Romanen w??hlen Sie die Deindustrialisierung als Ausgangspunkt. Warum das Interesse an dem Thema?

Mathieu: Meine Eltern waren zwar nie arbeitslos, aber sie hatten immer Angst davor, insbesondere mein Vater. Der war mit 14 von der Schule abgegangen, ein kleiner Angestellter. Die Vorstellung war, dass Wohlstand eine Sache der Vergangenheit sei.

Preisabfragezeitpunkt:
30.07.2019, 15:56 Uhr
Ohne Gew??hr

ANZEIGE

Nicolas Mathieu
Wie sp??ter ihre Kinder

Verlag:
Hanser Berlin
Seiten:
448
Preis:
EUR 24,00
??bersetzt von:
Lena M??ller, Andr?? Hansen

SPIEGEL: Ihr Roman spielt in einer fiktiven Stadt namens Heillange, die aber schon vom Namen her einem realen Vorbild sehr nahe kommt, Hayange. Ist die Erfahrung der Deindustrialisierung generalisierbar oder doch immer an Ort und Zeit gebunden?

Mathieu: Was an Hayange speziell ist, das ist die N??he zur Grenze.

SPIEGEL: Zu Luxemburg und seinem Reichtum.

Mathieu: Genau. In Frankreich haben viele gesagt, mein Buch sei ein Elendsroman - das stimmt nicht. Fast alle Figuren in dem Roman haben eine Arbeit, man sieht, wie die Wirtschaft sich neue Wege bahnt, hin zu einer grenz??berschreitenden ??konomie. Wenn eine Welt stirbt, bedeutet das einen Bruch. Hier verl??uft der speziell, weil der Reichtum im Nachbarland gesucht wird. Was man aber verallgemeinern kann: Wenn eine Welt endet, dann f??llt dem eine Generation zum Opfer, hier die der Eltern. Das findet man auch in den Bergbauregionen Englands, im S??den Italiens, im Rust Belt der USA. Deutschland hat sich da besser rausgezogen.

SPIEGEL: Naja, vielleicht nicht ??berall.

Mathieu: Ich wei?? das nicht genau, bei uns gilt Deutschland ja immer als das Paradies. Jedenfalls: Wenn man das verallgemeinern kann, dann gilt auch, dass diese geopferte Generation mit viel Ungewissheit in die Zukunft blickt, was wiederum politische Konsequenzen hat. Wut, Verdruss, die sich auf mehr oder weniger w??nschenswerte Weise ausdr??cken. Man nennt das dann sehr schnell Populismus. Ein Begriff, den ich f??r etwas zu simpel halte.

SPIEGEL: Man spricht dann ja oft von "den Abgeh??ngten", insbesondere auf der Suche nach Erkl??rungen f??r das Anwachsen der extremen Rechten. Ist Ihr Roman gedacht als historisches Lehrst??ck?

Mathieu: Der Aufstieg der extremen Rechten hat eine Vielzahl von Gr??nden. Am Anfang des Buches hei??t es: "In Berlin war eine Mauer gefallen und der einsetzende Frieden hatte etwas von einer Dampfwalze." Der Liberalismus ist eine derart kraftvolle Ideologie, dass man gar nicht bemerkt, dass er eine Ideologie ist. Die Leute, die entgegengesetzte Interessen haben, was machen die? Sie suchen Hilfe und R??ckzugsorte. Und keine Frage: Der Populismus ist die m??heloseste und direkteste Antwort.

SPIEGEL: Aber der kommt meistens von rechts, oder?

Mathieu: Nat??rlich w??nsche ich mir eine Antwort von links, eine anst??ndige, die all diese Leute aufsammelt. Die Kommunistische Partei hat das einst getan in Frankreich. Sie hat nat??rlich nie die Wahlen gewonnen, aber sie hat zumindest diese Interessen vertreten. Das hat auf dem politischen Feld Frankreichs Kr??fteverh??ltnisse geschaffen, die ausgeglichener und deshalb hilfreich waren. Der Populismus breitet sich also deswegen aus, weil die traditionellen demokratischen Parteien, insbesondere die sozialdemokratische Linke, diese Leute hat fallen lassen. Vollkommen!

SPIEGEL: Wie kam es dazu?

Mathieu: Weil sie alle der Idee verfallen sind, dass Politik gemacht werden m??sse, um effizient zu sein. Aber Politik kann auch daf??r da sein, Interessen zu vertreten, Stimmen Geh??r zu verschaffen oder Kompromisse auszuhandeln. Die sind dann vielleicht nicht notwendigerweise die effizientesten, tragen aber dazu bei, dass eine Gesellschaft zusammenh??lt. Daf??r stand die Sozialdemokratie fr??her.

Hoch??fen im lothringischen Hayange: "Die Topografie spricht f??r sich selbst"
JEAN-CHRISTOPHE VERHAEGEN/ AFP

Hoch??fen im lothringischen Hayange: "Die Topografie spricht f??r sich selbst"

SPIEGEL: Es kann kein Zufall sein, dass Sie Ihre fiktive Stadt Heillange einem realen Vorbild nachempfunden haben, das seit 2014 einen Front- beziehungsweise Rassemblement-National-Politiker als B??rgermeister hat.

Mathieu: Oh doch! Ehrlich, ich habe die Stadt nicht wegen des B??rgermeisters ausgew??hlt, sondern weil ich sie halt ein bisschen kenne - und vor allem, weil ihre Topografie f??r sich spricht. Es gibt dieses Tal, das Dorf oben dr??ber, die Hoch??fen mittendrin. Wenn Sie das beschreiben, haben sie ja schon die H??lfte dessen, was Sie sagen wollen! Den wachsenden Rassismus anzuprangern, das war sehr zweitrangig f??r mich. Die Wut der einfachen Leute stehen ja nicht im Zentrum des Romans; das ist eher so ein Grundger??usch.

SPIEGEL: In einem Artikel ??ber Ihr erstes Buch hie?? es, Sie betrieben "Soziologie mit einer Knarre". In "Wie sp??ter ihre Kinder" gibt es weniger Gewalt, aber noch immer viel Soziologie. Haben Sie sich schon mal dabei erwischt, eine Figur auftauchen zu lassen, um einen sozialen Fakt zu verdeutlichen?

Mathieu: Auf gar keinen Fall! Das w??re ja ideologische Literatur, so wie der sozialistische Realismus. Nein, nein: Ich fange mit den Figuren an. Es gibt Situationen. Ich erz??hle eine Geschichte. Ich habe mir nicht vorgenommen, eine wei??e B??rgerliche, einen wei??en Prolo und einen Maghrebiner zu nehmen. Das ist einfach so gekommen.

SPIEGEL: Wirklich?

Mathieu: Ja! Und am Ende habe ich ein Portr??t dieses Tals von oben nach unten gemacht. Ich wollte zeigen, wie die ganze Gesellschaft dort funktioniert. Wie in den Lehrb??chern ??ber franz??sische Literatur bei Balzac: Da gibt es diese Pariser Wohnh??user, die man aufschneidet und dann alle Schichten sieht. Die noblen Etagen unten, wo die B??rger wohnen, dann hinauf bis zum Dienstm??dchenzimmer. Eine Gesellschaft vertikal in ihren Schichten darzustellen und horizontal im Zeitverlauf - das war mein Projekt.

SPIEGEL: In Nancy, wo Sie heute leben, wurde k??rzlich zum ersten Mal ein Fu??ballspiel wegen homophober Sprechch??re unterbrochen. Nun wissen wahrscheinlich die meisten, dass solche Rufe gegen die Lokalrivalen bescheuert sind. Aber das Interessante ist, dass Verbote und der Versuch, diese ??ber Spielunterbrechungen durchzusetzen, scharfe Kritik bei den Fans ausl??sen - als n??hme man ihnen etwas Wichtiges weg. Wie kommt das?

Mathieu: Ich habe in diesem Sommer das Buch des Historikers G??rard Noiriel gelesen, er hat eine gro??e Studie der Unterklasse vom Hundertj??hrigen Krieg bis heute verfasst. Darin hei??t es, der Blick der Eliten auf das Verhalten der Unterklassen politisiere Dinge, die eigentlich nicht zwingend politisch seien. Das entschuldigt sie nicht. Aber es l??dt sie anders auf.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Mathieu: Die homophoben oder rassistischen Reden: Diejenigen, die sie loslassen, sehen das Sch??ndliche daran nicht so sehr wie wir, die sie dabei beobachten. Ich will die Leute nicht reinwaschen. Aber es ist ja wahr, dass ein Wort, wenn man es im sozialen Feld platziert, nicht ??berall f??r dieselben Dinge steht. Heute werden die Erfahrungen der Unterklasse nicht mehr sehr stark repr??sentiert, sei es auf dem politischen oder dem medialen Feld. Au??er wenn die Verurteilungen auf sie herabprasseln.

SPIEGEL: Sehen Sie eine L??sung f??r dieses Problem?

Mathieu: Romanautoren sind nicht gehalten, L??sungen herbeizubringen.

SPIEGEL: Ach, kommen Sie!

Mathieu: Es gab jedenfalls historische Phasen, in denen sich die Dinge harmonischer darstellten. Der Graben zwischen den sehr gebildeten Leuten und denen, die es nicht sind, zwischen den gro??en St??dten und dem Rest, er ist im Wachsen begriffen. Wenn man es nicht schafft, diese Verbindungen wieder zu kn??pfen... Noch ein Gedanke: Ich habe zwar keine zweckbetonte Vision von Literatur. Aber sie hat eine Kraft, die es ihr erlaubt, sich an die Stelle anderer zu versetzen. Ich wei??, dass es B??rgerliche sind, die meine B??cher lesen. Aber ich habe die Hoffnung, dass sie beim Lesen mitempfinden, bestimmte Verhaltensweisen verstehen, die sie andernfalls auf holzschnittartige Weise verurteilen w??rden. Das Verst??ndnis f??r das Verhalten anderer wird stark durch Fiktionen getragen. Es gibt also Geschichten, die man sich gemeinschaftlich erz??hlt, um sich gegenseitig ein bisschen weniger zu hassen.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

?? SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielf??ltigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.