Debatte um einheitliche Pr??fungen "Zentrale Gleichschaltung w??re t??richt"

Gleiches Abi f??r alle? In der Politik ist eine Diskussion ??ber bundesweit einheitliche Bildungsstandards entbrannt. Sie geht in die v??llig falsche Richtung, meint Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien.

Sch??lerinnen und Sch??ler w??hrend des Abiturs in Hannover: Eine Pr??fung f??r alle?
Holger Hollemann/ DPA

Sch??lerinnen und Sch??ler w??hrend des Abiturs in Hannover: Eine Pr??fung f??r alle?

Ein Gastbeitrag von Karin Prien, Bildungsministerin in Schleswig-Holstein


Wer hat die Debatte ??ber einheitliche Bildungsstandards angesto??en - und wer fordert was? Lesen Sie hier mehr zum Thema.

Zur Person
  • Uwe Steinert/ imago images
    Karin Prien (CDU), Jahrgang 1965, ist seit 2017 Bildungsministerin in Schleswig-Holstein. Davor war die Juristin als Fachsprecherin f??r Schulthemen in der CDU und in der Hamburgischen B??rgerschaft t??tig. Sie ist Mutter von drei Kindern.

Die gerade wieder aufkommende Forderung nach einem Zentralabitur in Deutschland f??hrt in die falsche Richtung. Sie stellt eine politisch nicht durchsetzbare Maximalforderung in das Zentrum der Debatte und verstellt damit den Blick auf die dringend notwendigen weiteren Schritte in Richtung auf ein vergleichbares, gerechteres Abitur und dar??ber hinaus der anderen, allgemeinen Bildungsabschl??sse.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in Passau in der Abiturpr??fung. Die Aufgabe dreht sich um die Bedeutung der Waldemarsmauer im mittelalterlichen Danewerk. Bitte was? Genau! Was f??r Sch??lerinnen und Sch??ler aus Schleswig-Holstein regionalgeschichtlich ganz selbstverst??ndlich auf dem Lehrplan steht, tritt f??r Sch??ler aus anderen Teilen Deutschlands hinter eigene regional bedeutsame Inhalte zur??ck.

Ein zentraler Schulabschluss im Sinne einer identischen Pr??fung an allen Schulen in Deutschland setzt zwangsl??ufig auch einen identischen Unterrichtsstoff voraus. Das w??rde ??berspitzt gesagt bedeuten, dass irgendwo in der Hauptstadt f??r alle Kinder in Deutschland festgelegt wird, was sie lernen m??ssen.

"Wir brauchen mehr Vergleichbarkeit und Transparenz"

Das f??derale Bildungssystem in Deutschland ist eine Errungenschaft. Es ist historisch gewachsen und war auch eine Antwort auf die Bildungspolitik der Nationalsozialisten und der SED. Dass Schulpolitik und Bildungsinhalte von den gew??hlten Landesregierungen 16 demokratisch legitimierter Parlamente ausgehen, sichert Vielfalt und Wettbewerb und verhindert zentralstaatliche Gleichschaltung.

Aber richtig ist auch: Wir brauchen mehr Vergleichbarkeit und Transparenz in der Bildungspolitik und bei den Bildungsabschl??ssen - das ist ein Muss. Wir arbeiten daran in der Kultusministerkonferenz und haben gemeinsam viel erreicht. Mehr als ??ffentlich wahrgenommen wird. Wir werden schon ab 2021 eine ganz andere Art von gemeinsamen Abituraufgaben haben: Die unterrichtlichen Rahmenbedingungen werden vergleichbar sein, es wird verbindliche Bearbeitungszeiten f??r die Abituraufgaben in allen L??ndern geben sowie eine einheitliche Bewertungsskala.

Zentrale Gleichschaltung w??re t??richt, von den L??ndern gemeinsam erarbeitete Bildungsstandards und Aufgabenentwicklung in immer mehr F??chern ist klug, weil es den f??deralen, fruchtbaren Wettbewerb zwischen den L??ndern beibeh??lt. Denn nat??rlich gibt es von Land zu Land unterschiedliche Zug??nge zu Themen. Nehmen wir Energie und Nachhaltigkeit. Im Ruhrgebiet kann man ganz anders ??ber Kohle und Windkraft unterrichten als in Nordfriesland. Die Vielfalt unserer Republik ist auch eine Chance, durch die Bildung diese Vielfalt erlebbar zu machen.

Die Annahme, identische Pr??fungsaufgaben in ganz Deutschland w??rden zu v??llig vergleichbaren Abschl??ssen f??hren, reduziert Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Auftrag. Keine Unterrichtseinheit ist identisch, die Zusammensetzungen der Klassen sind verschieden, und so weiter, und so weiter??.

"Vereinheitlichung aller Schulsysteme nicht w??nschenswert"

Eine Vereinheitlichung aller Schulsysteme in unserem Land ist nicht w??nschenswert. Sie w??rde schon aus politischen Gr??nden immer zu einer Reduzierung der Anforderungen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner f??hren. Die Forderung nach dem Zentralabitur ist aber auch v??llig unrealistisch. In einer Zeit, in der L??nder aus der Durchf??hrung von Vergleichsarbeiten aussteigen, m??ssen wir uns gemeinsam auf eine neue Qualit??t des kooperativen F??deralismus verst??ndigen.

Die L??nder m??ssen in ihrer Eigenst??ndigkeit mehr kooperieren und gemeinsame weitere Bildungs- und Pr??fungsstandards entwickeln und die Ergebnisse des Wettbewerbs - best practice - und der empirischen Bildungsforschung erkennbar besser nutzen. Und das gilt nicht nur f??r das Abitur, die mittleren Schulabschl??sse, sondern auch etwa f??r die Lehrerausbildung, das Bildungsmonitoring und Datennutzung, die Lese- und Rechtsschreibf??rderung und die Vermittlung von future skills. Wir brauchen dazu den Staatsvertrag, der eine neue Dimension eines kooperativen Bildungsf??deralismus er??ffnet. Die L??nder m??ssen jetzt den Beweis antreten, dass dieser Bildungsf??deralismus aus eigener Kraft die notwendige Weiterentwicklung schafft.

Wer das erreichen will, der sollte keine unrealistischen Forderungen in den Raum stellen. Stattdessen sollten wir alle Anstrengungen darauf konzentrieren, z??gig den Bildungsstaatsvertrag der L??nder abzuschlie??en, der genau diese einheitlichen Standards und vergleichbaren Bildungsabschl??sse zum Ziel hat.

insgesamt 152 Beitr??ge
Alle Kommentare ??ffnen
Seite 1
SonosMicha 21.07.2019
1. Gemeinschaftsschule ist das Problem
Klar ist Frau Prien dagegen, denn SH hat Gemeinschaftsschulen. Und alle Bundesl??nder mit Gemeinschaftsschulen werden bei einem zentralem Abi schlechter abschneiden. Die Gemeinschaftsschulen machen die guten SuS schlechter. Und die schlechten vielleicht ein wenig besser. Die Gemeinschaftsschulen sind also das Problem. Dabei zeigen Bayern und Sachsen, seit Jahren, wie es gehen kann. Hier haben SuS die besten Bildungschancen.
anchises 21.07.2019
2. Bl??d nur, da?? sich all diese Abiturienten an den selben Unis
bewerben und das eingangs erw??hnte Beispiel halte ich doch f??r mehr als an den Haaren herbeigezogen. Wenn derlei Regionales Bestandteil einer Abit??rpr??fung ist, dann hei??t es tats??chlich irgendwann: Gute Nacht Deutschland! Wenn ich mein Leben einem Arzt anvertraue, dann soll er mich so behandeln, da?? ich wieder gesunde und nicht nach seinem, damals im Gymnasium gelebten Lokalcolorit. Was f??r marode Hirne sind das eigentlich die mehr und mehr Einflu?? auf uns, unsere Gesellschaft nehmen (k??nnen)
AndreasKurtz 21.07.2019
3. Wo gibt es Zentralpr??fungen?
Es gibt sie in den L??ndern, die seit Jahren an der Spitze internationaler Vergleiche stehen, vor Allem in Asien, aber auch in den USA gibt es zentrale Aufnahmetests f??r Universit??ten. Von Gleichschaltung kann da keine Rede sein, es sind die L??nder in Asien, die am schnellsten aufholen, technologisch, wissenschaftlich, sozial. Es sind die L??ndern, aus denen wir gerne Fachkr??fte bek??men.
tropfstein 21.07.2019
4. Es gibt keinen Wettbewerb
So ein Unsinn! Eine Familie in Flensburg kann sich doch gar nicht f??r das hessische oder s??chsische Schulmodell entscheiden. Und schleswig-holsteinische Sch??ler brauchen nicht aus genetischen Gr??nden andere Schulen als saarl??ndische - keine anderen Schulformen und keine anderen Curricula f??r Mathe, Chemie, Franz??sisch oder Geschichte der Antike - abgesehen von den paar an den Haaren herbeigezogen Beispielen der Frau Prien
new#head 21.07.2019
5.
Das ist es. Die Sch??ler sollten bundesweit ein einheitliches und relevantes Wissen nachweisen. Was z.B.ein Wolpertinger ist, geh??rt zum regionalen Spezialwissen und hat in einem Lehrplan, der den Anforderungen des 21ten Jahrhunderts entsprechen soll nichts zu suchen. Das Gold f??r Nord, S??d, Ost und West.
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