L??dierte Streitkultur Wir schweigen die Demokratie zugrunde

Ziehen Sie sich immer h??ufiger aus Debatten in Ihrer Familie, im Freundeskreis oder im Sportverein zur??ck? Das ist durchaus nachvollziehbar - aber gef??hrlich. Zum Gl??ck gibt es einen Ausweg.

Man kann auch den Mund aufmachen, ohne ihn aufzumachen: Pro-Demokratie-Aktivistin in Berlin (Archivfoto)
Kay Nietfeld/DPA

Man kann auch den Mund aufmachen, ohne ihn aufzumachen: Pro-Demokratie-Aktivistin in Berlin (Archivfoto)

Ein Kommentar von


Wir haben ein Problem. Ein gro??es Problem.

Nehmen wir die Debatte ??ber eine Gruppenvergewaltigung im Ruhrgebiet, die zuletzt viele Menschen besch??ftigte. Wer sich online in Foren und sozialen Netzwerken umschaut, wird nicht nur auf Emp??rung ??ber die brutale Tat sto??en, auf Mitgef??hl f??r das 18-j??hrige Opfer oder auf die Frage, wie Jungen im Alter von zw??lf oder 14 Jahren zu so etwas imstande sein k??nnen.

Sondern auch auf viel Hass gegen vermeintlich Fremde - denn die Verd??chtigen haben bulgarische P??sse.

Oder nehmen wir die Debatte ??ber Seenotretter im Mittelmeer. Wer im Netz st??bert, wird nicht nur auf Spendenaufrufe sto??en, auf sachliche Auseinandersetzungen mit der Situation in den Herkunftsl??ndern der Migranten oder auf die Frage, wie die von uns gew??hlten Politiker dieses Sterben immer noch zulassen k??nnen.

Sondern auch auf viel Hass gegen vermeintliche Rechtsbrecher - denn die Seenotretter weigern sich, Gerettete zur??ck ins B??rgerkriegsland Libyen zu bringen.

Diese Beispiele stehen nicht am Anfang dieses Textes, um Rassismus, Jugendkriminalit??t oder das internationale Seerecht zu debattieren. Es geht darum, ??bers Debattieren zu debattieren, denn der Verlauf der beiden Diskussionen zeigt, dass die Gespr??chskultur unserer Gesellschaft l??diert ist. Und das Problem hat mehrere Ebenen:

  • Wir f??hren Pseudodebatten. Wenn jemand Opfer einer Vergewaltigung wird, sollte es um die Tat gehen, um das Motiv, um Pr??vention und Bestrafung. Wer aber ausschlie??lich ??ber die ethnische oder religi??se Identit??t von Tatverd??chtigen reden m??chte, disqualifiziert sich f??r eine solche Debatte.
  • Wir belohnen Extrempositionen. Gespr??chsthema am Stammtisch, am Gartenzaun oder in Facebook-Gruppen sind viel zu oft die radikalen Forderungen einzelner Schreih??lse. P??bel-Tweets von Berufspopulisten oder Forderungen von Vollzeitaktivisten erhalten in Medien und im Alltag mehr Aufmerksamkeit als sachliche Kompromissvorschl??ge. Auf Dauer ist das Gift f??r die Streitkultur.
  • Wir scheuen den Diskurs. Im Brustton der ??berzeugung vorgetragene Maximalforderungen sind einsch??chternd - und sie verst??rken den fatalen Eindruck, es gebe in vielen Fragen nur noch zwei Lager. Diese Polarisierung f??hrt dazu, dass Zwischent??ne kaum noch Geh??r finden und ein Zerrbild von Debatten entsteht.

Nat??rlich muss niemand mit gewaltbereiten Rassisten plaudern oder vermummte Steinewerfer auf Podien einladen. Aber ist es zu viel verlangt, einem halbwegs zivilisierten Gegen??ber erst mal zuzuh??ren und gegebenenfalls sachlich zu widersprechen?

Doch stattdessen, seien wir ehrlich, best??tigen die meisten sich lieber unter ihresgleichen gegenseitig in ihren Ansichten - sei es im Freundeskreis, im Sportverein oder in der WhatsApp-Gruppe. Dieser Mechanismus ist nicht ganz neu, soziale Medien und das Internet als Medium haben ihn aber augenscheinlich verst??rkt.

Wie ramponiert das Konzept der zivilisierten Debatte inzwischen ist, zeigt sich auch daran, dass es selbst an Universit??ten in Gefahr ist - an jenem Ort also, der Taktgeber des wissensbasierten Meinungsaustausches sein sollte, und zwar auf h??chstem Niveau. Im April warnte der Deutsche Hochschulverband vor "Einschr??nkungen der Meinungsfreiheit an Universit??ten", und der Verbandspr??sident Bernhard Kempen sagte: "Die Toleranz gegen??ber anderen Meinungen sinkt." An Hochschulen!

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Demokratie l??sst sich nicht komplett delegieren

Medien, Politiker, wir alle m??ssen einen Ausweg aus dieser Hysteriespirale finden - und da kommen diejenigen ins Spiel, die offenbar keine Extrempositionen vertreten. Viele Millionen Menschen, die ??berw??ltigende Mehrheit. Die schweigende Mehrheit.

Dabei kostet eine demokratische Haltung oft nur wenig Zeit: ein Facebook-Post, der Diskussionen anregt statt Ressentiments zu bedienen, ein kontroverses Gespr??ch an der Supermarktkasse, ein Gang zur Demo. Wer hingegen den Einsatz f??r eine freiheitliche Gesellschaft komplett an Berufsdemokraten und Vollzeit-Ehrenamtliche delegieren m??chte, verkennt grundlegendste Ideen der Demokratie. Politiker erledigen ihren Job zwar in unserem Namen, aber sie erledigen damit nicht unseren Job: mitreden, mitstreiten, mitmischen.

In einer freiheitlichen Gesellschaft ist selbstverst??ndlich niemand zum Mitmachen gezwungen. Ohne Mitmacher allerdings verschwindet die freiheitliche Gesellschaft irgendwann.

Ja, f??r seine ??berzeugungen einzustehen, das kann durchaus unappetitlich werden. Wer reflektierte Argumente hat und sich offen f??r andere Ansichten zeigt, sieht sich h??ufig Beschimpfungen von Leuten mit Extrempositionen ausgesetzt. Aber wer sich aus Angst davor lieber zur??ckh??lt, d??rfte statt von echten Diskussionen irgendwann nur noch von Extrempositionen umgeben sein. Oder von L??gen.

Offenbar haben viele verlernt, was eine Debatte ist und wie sie funktioniert: Menschen oder Gruppen mit verschiedenen Meinungen tauschen sich aus, um eine gemeinsame L??sung zu finden, meist in Form eines Kompromisses. Das Schweigen der moderaten Massen erschwert dies allerdings.

Auch Gleichg??ltigkeit gef??hrdet die Demokratie.

Es mag viele Gr??nde f??r diese weitverbreitete Apathie geben: Angst vor Konflikten, Bequemlichkeit - oder ein Lagerdenken, das auf gef??hrlichen Fehlannahmen fu??t: Wer sich gegen Rassismus engagiert, ist keineswegs automatisch Komplize gewaltbereiter Linksextremisten. Und Kritik an streikenden Sch??lern oder privaten Seenotrettern belegt noch lange kein rechtsextremes Weltbild.

Das Ende der Normalit??t

Was derzeit verloren zu gehen droht, ist die Lust an der Meinungsbildung. Dabei ist es v??llig okay, nicht zu allen Themen eine perfekt abgestimmte Position zu haben (denn Positionen kann man verfeinern). Wissensl??cken sind ebenfalls okay (denn L??cken kann man f??llen). Und es ist auch in Ordnung, sich zu irren oder umzuentscheiden (denn Meinungen darf man ??ndern).

Die banale Wahrheit ist: Debatten brauchen Abstufungen, Graut??ne, Nuancen. Unsere Nachbarschaften, Gemeinden und Vereine bestehen nicht nur aus Linksradikalen und Neonazis, Feministinnen und "Lebenssch??tzern", religi??sen Fanatikern und liberalen Humanisten. Gesellschaften sind vielf??ltig, diese Vielfalt aber taucht in Debatten oft nicht auf.

Um das zu ??ndern, darf es nicht darum gehen, lauten Verf??hrern grunds??tzlich einen Maulkorb zu verpassen. Eine freiheitliche Demokratie kann (und muss) solche Kr??fte aushalten. Das gelingt, wenn sich auch moderate B??rger h??ufiger zu Wort melden - und so in der ??ffentlichen Wahrnehmung nicht die Extreme dominieren.

Kein Quell des konstruktiven Meinungsaustausches: Pegida-Demo in Dresden (Oktober 2018)
Jens Meyer/AP

Kein Quell des konstruktiven Meinungsaustausches: Pegida-Demo in Dresden (Oktober 2018)

Warum das so wichtig ist? Weil es ansonsten sehr einfach ist, den ??ffentlichen Diskurs zu manipulieren. Und wer Debatten steuern kann, kann irgendwann ganze Gesellschaften steuern - denn in Demokratien ist prinzipiell alles sagbar und verhandelbar.

Wo aber alles verhandelbar ist, ist auch alles durchsetzbar: Selbst das unertr??glichste Tabu kann Normalit??t werden, wenn keine Mehrheit mehr dagegen aufbegehrt.

Umso wichtiger ist es, sich ebenso bestimmt wie sachlich f??r die Werte unserer Verfassung einzusetzen: dass zum Beispiel f??r unsere Gesellschaft auch nur der Gedanke untragbar und unertr??glich sein sollte, Menschen aus politisch-strategischen Erw??gungen im Mittelmeer sterben zu lassen. Und dass in Deutschland nie wieder einzelne Bev??lkerungsgruppen aus ethnischen oder religi??sen Gr??nden pauschal diffamiert werden d??rfen.

Um aber Mehrheiten f??r diese Positionen zu gewinnen, m??ssen Menschen immer wieder von anderen Menschen ??berzeugt werden - im offenen, fairen Meinungsaustausch.


Lesen Sie auch: Wie ein Seenotretter-Streitgespr??ch trotz v??llig unterschiedlicher Meinungen friedlich ablaufen kann.

insgesamt 571 Beitr??ge
Alle Kommentare ??ffnen
Seite 1
Solid 21.07.2019
1.
Der Ausweg ist ganz einfach: Pseudonym im Internet streiten. Sofern es dazu noch Gelegenheit gibt, da schlie??lich alles als angeblich "justiziabel" gel??scht wird, was nicht dem Narrativ und Framing entspricht.
aliof 21.07.2019
2. Bravo, sehr guter Ansatz
.. eines Sonntags in unserer s??kularen modernen Welt w??rdig! Erinnert mich ein wenig daran, wie damals in der Schule, die doch sehr .. Religion abgew??hlt werden konnte, ... zugunsten eines Denkens ??ber Ethik .. und ggf. Moral .. was auch damals schon "Zivilcourage" beinhaltete. Was aber v??llig fehlte, und wohl auch hier .. zu reflektieren die je eigene Begrenztheit .. der M??glichkeiten . Mal ganz Allgemein .
xxgreenkeeperxx 21.07.2019
3. Nur die Vielfalt der Meinungen bringt uns weiter.
Auch wenn sie teilweise extrem sein m??gen, sind sie immerhin Ausdruck eines Standpunktes zum Thema. Und wenn das dann sofort als rechts, braun oder neunationalsozialistisch abgestempelt und zensiert wird, dann muss man sich halt zur??ckziehen. Das war in der DDR so und ist in der Bundesrepublik auch nicht anders. Ich denke, das wei?? auch Frau Merkel. Ich halte es da mit einem gewissen Horst L. Man muss eine Meinung nicht ??bernehmen, ganz im Gegenteil. Sie sollte nur ein Denkansto?? sein. Das Nachdenken dar??ber und die Entscheidung trifft jeder f??r sich selbst. Das k??nnen einem die Bundesregierung und die Medien nicht vorschreiben.
Norbert Sixtus 21.07.2019
4. Debatte mit vorgefertigter Meinung? Unertr??gliche Gedanken?
Lieber Herr Maxwill, Sie regen eine offene Debatte an und geben dann in Ihrem Artikel schon wieder vor, was man zu denken hat? Zitat: "dass zum Beispiel f??r unsere Gesellschaft auch nur der Gedanke untragbar und unertr??glich sein sollte, Menschen aus politisch-strategischen Erw??gungen im Mittelmeer sterben zu lassen." Was soll das noch f??r eine offene Debatte werden, wenn Gedanken "untragbar und unertr??glich sein sollte[n]"? Das Problem ist doch, dass ein Thema, das Migrationsthema, alles andere ??berlagert.... Ich m??sste von meinen Einstellungen zum Klima/zur Umwelt Die Gr??nen w??hlen, bzgl. Migration/EU-Kritik/Euro-Kritik AFD, bzgl. Arbeitnehmerrechte SPD/Die Linke, bzgl. Bankenregulierung Die Linke usw. Beim Wahlomat habe ich dann bei den "gro??en Parteien" immer ein ??bereinstimmungsspektrum von etwa 46 bis 66%, am wenigsten mit der FDP... Es gibt ja auch Sarrazin in der SPD, Palmer bei den Gr??nen, Wagenknecht bei den Linken - offenbar haben Menschen zu verschiedenen Themen verschiedene Meinungen, aber sobald man kritisch zur Masseneinwanderung (oder zum Euro oder zur EU-B??rokratie oder zur demokratischen Situation der EU-Institutionen) steht, wird man in Richtung AFD abgedr??ngt, egal was man sonst auch denken mag...
thorsten.munder 21.07.2019
5. Was n??tzt es denn
Zu Streiten und Dinge anzusprechen wenn zum Beispiel Politiker Beratungsresistent sind am Ende nur Politik machen die von der Wirtschaft vorgegeben wird (siehe Diesel Aff??re ) siehe Glyphosat siehe R??stungs Exporte nach Saudi-Arabien usw. Wenn der Gesunde Menschenverstand dem Profit geopfert wird dann sagen normale B??rger irgendwann gar nichts mehr . Stattdessen geben die die Hass und Unsinn verbreiten dem Ton an. ??bers Internet zum Beispiel wo man nicht erkannt wird im Anonymen bleibt und Politiker beleidigt was irgendwann Leute Idioten dazu Anstachelt Leute Politiker sogar Umzubringen . Siehe den Fall L??bcke !
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