Prozessauftakt gegen Walid S. "Vor meiner Faust muss man sich in Acht nehmen"

Walid S. wird von der Polizei als Intensivt??ter gef??hrt, nun muss sich der Mann erneut vor dem Bonner Landgericht verantworten. Es geht um versuchten Totschlag. Und Erinnerungen an den Fall Niklas P.

Mai 2017: Walid S. (r.) mit seinem Verteidiger Martin Kretschmer vor dem Bonner Landgericht. Nun sitzt der Intensivt??ter wieder auf der Anklagebank.
DPA

Mai 2017: Walid S. (r.) mit seinem Verteidiger Martin Kretschmer vor dem Bonner Landgericht. Nun sitzt der Intensivt??ter wieder auf der Anklagebank.

Von Christian Parth, Bonn


Denise P. hat in der ersten Reihe Platz genommen. Sie will einen guten Blick auf Walid S. haben. Um kurz nach neun Uhr betritt der 23-J??hrige den Saal 0.11 des Bonner Landgerichts. Er tr??gt Jeans, tadellos geb??geltes wei??es Hemd, das krause Haar am Hinterkopf zusammengebunden. L??ssig kaut S. Kaugummi und wippt auf seinem Stuhl hin und her.

Walid S. muss sich unter anderem wegen versuchten Totschlags verantworten. Laut Anklage soll er am 10. Februar 2019 vor einer Diskothek in der N??he des Bonner Hauptbahnhofs einen jungen Mann gegen den Kopf getreten haben, der bereits wehrlos am Boden lag. Das Opfer erlitt schwere Verletzungen, unter anderem eine Gehirnersch??tterung, zwei Vorderz??hne wurden eingeschlagen, das Jochbein gebrochen, der Oberkiefer gleich doppelt. Eine Woche lag der 26-J??hrige im Krankenhaus.

Denise P. und Walid S. kennen sich bereits. 18 Verhandlungstage, Dutzende Stunden, hatten die beiden vor etwa zwei Jahren genau hier, in Saal 0.11 verbracht. Denise P. als Nebenkl??gerin, Walid S. auf der Anklagebank. Damals war Walid S. vorgeworfen worden, in einer Nacht im Mai 2016 den Sohn von Denise P., den 17 Jahre alten Niklas, nach einem Wortgefecht zuerst mit einem Fausthieb niedergestreckt zu haben. Nachdem der Junge bewusstlos zusammengesackt war, habe ihm S. mit voller Wucht ins Gesicht getreten. F??nf Tage sp??ter starb Niklas P. im Krankenhaus.

Gedenken an Niklas P. in Bonn (Archivbild)
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Gedenken an Niklas P. in Bonn (Archivbild)

Bei der T??tersuche hatten sich die Ermittler schnell auf Walid S. konzentriert. In seiner Wohnung fanden sie eine Jacke mit Blutspritzern des Opfers. Im Prozess jedoch wuchsen die Zweifel, dass S. der T??ter war. Die Aussagen des Hauptbelastungszeugen sch??tzte das Gericht als nicht belastbar ein. Die Jacke habe er in der Nacht von einem Kumpel bekommen, behauptete S. Am 3. Mai 2017 wurde er freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen vor wenigen Wochen eingestellt.

"Ich habe den Freispruch zur Kenntnis genommen", sagt Denise P. Allein, die Zweifel werde sie nicht los. "Ich bin heute gekommen, weil ich mir neue Erkenntnisse erhoffe", sagt sie dem SPIEGEL. Dass der Tod ihres Sohnes bislang unges??hnt ist, sei schwer zu ertragen. "Ich suche h??nderingend nach M??glichkeiten, mein Leben neu zu gestalten", sagt P. "Immer wieder sehe ich junge M??nner, die Niklas ??hnlich sehen." Auch die Tochter leide massiv unter dem Tod des Bruders.

Dass sich die ??ffentlichkeit gerade wegen Niklas f??r das neuerliche Verfahren gegen Walid S. interessieren w??rde, d??rfte auch das Gericht nicht ??berrascht haben. Doch der Vorsitzende Josef Jan??en wird deutlich. In zahlreichen Medien habe er lesen m??ssen, S. sei aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. "So etwas gibt es nicht", stellt er klar. "Es gibt nur Freispruch. Das hei??t dann, er hat mit der Sache nichts zu tun", z??rnt der Richter.

"Es ist seine Handschrift"

Doch die Zweifel, die Denise P. bis heute plagen, kann ihr auch der Richter nicht nehmen. "Es ist doch genau wie bei Niklas damals", sagt Denise P. ??ber die Tat, die Walid S. nun vorgeworfen wird. "Er hat damals zugetreten wie gegen einen Fu??ball. Es ist seine Handschrift."

Denise P. beim ersten Prozess gegen Walid S. im Mai 2017.
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Denise P. beim ersten Prozess gegen Walid S. im Mai 2017.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat es in der jetzt angeklagten Tat in der Nacht des 10. Februar 2019 einen Streit zwischen zwei Gruppen junger M??nner gegeben. Der Hauptgesch??digte und zwei seiner Begleiter sollen von Freunden von Walid S. niedergeschlagen worden sein. Walid S. soll kurz darauf dazugesto??en sein und den am Boden liegenden 26-J??hrigen mit voller Wucht gegen den Kopf getreten haben. Hier habe jemand "schwere Verletzungen oder sogar mehr in Kauf genommen", sagt ein Polizist, der damals zum Tatort gerufen worden war und zwei Tritte durch Walid S. genau gesehen haben will.

Die Polizei f??hrt Walid S. als Intensivt??ter

Verteidiger Martin Kretschmer verliest eine Erkl??rung seines Mandanten, in der er die Tritte einr??umt, einen gegen den Oberk??rper, einen gegen den Kopf. Er habe zuvor Wodka getrunken und Marihuana geraucht. Er habe Mist gebaut, "aber dass dahinter eine T??tungsabsicht steckt, ist nicht wahr". Weitere Fragen werde er nicht beantworten.

Die Polizei f??hrt den 23 Jahre alten Walid S. als Intensivt??ter. Schon mehrfach stand er wegen K??rperverletzungen vor Gericht. Zuletzt wurde der geb??rtige Italiener mit marokkanischen Wurzeln nach einer Auseinandersetzung vom Amtsgericht Siegburg im September 2018 zu 50 Tagess??tzen zu je 20 Euro verurteilt. S. werde schon bei nichtigen Anl??ssen gewaltt??tig, sei gepr??gt durch ein "dominant archaisches M??nnlichkeitsbild", liest Richter Jan??en vor. Einmal soll S. gesagt haben: "Vor meiner Faust muss man sich in Acht nehmen." Denise P. fragt sich: "Wie konnte er in der Zwischenzeit nur so viele Straftaten begehen?"

"Wieder kann sich keiner an irgendwas erinnern"

Die Gesch??digten berufen sich auf Erinnerungsl??cken. Sie h??tten an jenem Abend sehr viel Alkohol getrunken. Der Hauptgesch??digte erinnere sich an nichts mehr. Wenn er zu viel getrunken habe, sei er "sehr diskussionsfreudig", sagt er kleinlaut. Es wirkt fast so, als gebe er sich selbst die Schuld.

Einem der anderen Opfer h??lt der Richter eine Aussage vor, die er bei der Polizei gemacht hatte. Demnach schilderte er den Beamten damals sehr pr??zise die Kleidungsst??cke eines T??ters: blaue Kappe, Winterjacke, Fellkragen, Kapuze. Der Zeuge sch??ttelt sch??chtern den Kopf. Daran habe er keine Erinnerung mehr.

Denise P. schaut r??ber zum Angeklagten, ihre Blicke kreuzen sich. "Wieder kann sich keiner an irgendwas erinnern. Das kennen wir schon", sagt sie sp??ter. Sie wird das Gef??hl nicht los, dass die polizeibekannte Clique um S. Einfluss auf die Zeugen genommen haben k??nnte. Im Verfahren um den Fall Niklas hatte sich um Walid S. ein Art Schweigekartell gebildet. Einige Zeugen sollen zudem eingesch??chtert worden sein.

Walid S. steht in diesem Verfahren noch wegen einer anderen Sache vor Gericht. Im Januar 2019 soll er in einem Schnellrestaurant ausgerastet sein, die Angestellten angep??belt und mit Essen beworfen haben. Erst nach einer Verfolgungsjagd konnte die Polizei ihn am Boden fixieren. Er soll die Beamten bespuckt und als "Hurens??hne" beschimpft haben. Und er habe versucht, nach ihrer Waffe zu greifen.

Auch diese Vorw??rfe r??umt S. weitgehend ein. Nur das mit der Waffe weist er zur??ck. In einer Prozesspause sagt Verteidiger Kretschmer: "Insgesamt wird es wohl zu einer Freiheitsstrafe kommen, die nicht bew??hrungsf??hig ist."

Der Prozess ist auf vier Tage angesetzt. Das Urteil soll voraussichtlich am 25. Juli gef??llt werden.

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