Fl??chtlinge in Griechenland Die Stimmung kippt, der Ton wird sch??rfer

In Griechenland kommen so viele Fl??chtlinge an wie zuletzt 2016. Viele B??rger f??hlen sich im Stich gelassen, auf den ??g??isinseln steigt die Wut. Premier Mitsotakis reagiert mit H??rte gegen die Neuank??mmlinge.

Migranten oder Fl??chtlinge? Derzeit kommen vor allem Afghanen, Syrer und Iraker in Griechenland an
Alkis Konstantinidis/ REUTERS

Migranten oder Fl??chtlinge? Derzeit kommen vor allem Afghanen, Syrer und Iraker in Griechenland an

Von , Thessaloniki


Es sind sechs Boote mit 242 Menschen an Bord, die am 1. Oktober innerhalb weniger Stunden von der t??rkischen K??ste ablegen. Die kleinen Beiboote schaffen es an der t??rkischen K??stenwache vorbei in griechische Gew??sser. Sie ??berqueren die wenigen Kilometer, die das ??g??ische Meer an dieser Stelle breit ist, am Vormittag erreichen sie schlie??lich Lesbos, jene Insel in der ??g??is, die derzeit im Zentrum der Fl??chtlingsbewegungen nach Europa steht.

Sechs Boote, 242 Menschen, so viele kommen mittlerweile fast t??glich auf Lesbos an. Die Zahl liegt nur knapp ??ber dem aktuellen Schnitt. In den gro??en griechischen Medien war die "Massenanlandung" jedoch ein Ereignis: Nachrichtenportale, TV-Programme und Social Media waren voll mit Bildern und Videos der Boote. Einige Berichte wirkten, als gehe es um eine Art griechischen D-Day, als dr??ngten sich in den Gummibooten Invasoren statt gefl??chteter Familien, die in Griechenland einen Asylantrag stellen wollten.

Afghanische Fl??chtlinge erreichen am 1. Oktober die K??ste von Lesbos
STRATIS BALASKAS/ EPA-EFE/ REX

Afghanische Fl??chtlinge erreichen am 1. Oktober die K??ste von Lesbos

Man k??nnte diese Berichterstattung als sensationsheischend abtun, wenn sie nicht f??r einen tiefergehenden Stimmungswandel in der griechischen Gesellschaft st??nde. Mit den steigenden Fl??chtlingszahlen w??chst in Griechenland auch der ??rger ??ber Politiker, die die Lage angeblich nicht im Griff haben, es w??chst die Angst vor einer neuen, gro??en Fl??chtlingsbewegung.

Seit Monaten dominiert das Thema Migration den ??ffentlichen Diskurs Griechenlands. Debattiert wird in Caf??s, im Internet, im Parlament. Die gerade erst gew??hlte Regierung ger??t in der Migrationsfrage bereits unter Druck.

Mitsotakis versch??rft den Ton

Premier Kyriakos Mitsotakis, ein Konservativer, wurde unter anderem gew??hlt, weil er den Griechen versprach, die Fl??chtlingssituation effektiver zu managen als sein linker Vorg??nger Alexis Tsipras. Er versprach, die Grenzen zu sch??tzen, Migranten zur??ck in die T??rkei zu schicken - und in den Fl??chtlingslagern auf den ??g??isinseln "f??r Ordnung zu sorgen".

Drei Monate sp??ter steigen die Fl??chtlingszahlen, und die Zust??nde auf den Inseln verschlechtern sich: So gut wie niemand wird in die T??rkei zur??ckgeschickt. Mitsotakis gibt Tsipras die Schuld, allerdings verf??ngt diese Altlaststrategie nicht. Mehr als die H??lfte der Griechen bewerten die Arbeit des neuen Premiers in dieser Hinsicht negativ.

Im Parlament verk??ndete Mitsotakis am Freitag vergangener Woche die neue Linie seiner Regierung: Griechenland werde nicht als Zufluchtsort f??r alle Schutzbed??rftigen dienen, sagte er. Und: "Bei dem Problem, dem wir gegen??berstehen, geht es um Migration und nicht um Fl??chtlinge." Au??er Acht lie?? er dabei, dass die meisten Einwanderer derzeit aus Afghanistan, Syrien und dem Irak kommen - und gute Chancen auf Asyl haben.

Mitsotakis k??ndigte an, die Grenz??berwachung ausbauen zu wollen. Asylverfahren sollen beschleunigt, die Zahl der R??ckf??hrungen gesteigert werden. Zudem sollen Migranten k??nftig weniger Zugang zum griechischen Gesundheitssystem und zu Sozialleistungen bekommen.

Abfahrt aufs Festland: Das Fl??chtlingslager auf Lesbos ist v??llig ??berf??llt
Milos Bicanski/ Getty Images

Abfahrt aufs Festland: Das Fl??chtlingslager auf Lesbos ist v??llig ??berf??llt

Migranten, keine Fl??chtlinge: Deutlicher als in diesem Satz von Mitsotakis kann man den griechischen Stimmungsumschwung kaum formulieren.

Viele Kommentatoren und B??rger begr????en den neuen, strengeren Kurs der Regierung. Giorgos Toulas geh??rt nicht dazu; er arbeitet als Radiomoderator in Thessaloniki, einer Stadt im hohen Norden Griechenlands, nicht weit von der Grenze zu Nordmazedonien. Nebenbei gibt er ein Magazin heraus. "Ich beobachte sehr genau, wie das Wort 'Fl??chtling' im ??ffentlichen Diskurs graduell durch das Wort 'Migrant' ersetzt wird", sagt er. S??tze wie die von Mitsotakis h??lt Toulas f??r einen Versuch, die griechischen B??rger gegen Einwanderer aufzubringen.

Asylsuchende sind in der griechischen Gesellschaft schon jetzt weitestgehend isoliert, sichtbar werden sie vor allem auf den Inseln. Drei von vier Fl??chtlingskindern gehen dort nicht zur Schule, nur wenige lernen Griechisch. Kaum ein Asylbewerber findet einen Job.

Hauptsache, raus aus Griechenland

Die Konsequenz l??sst sich in der N??he von Thessaloniki an einem Bahnhof beobachten. Wenige Kilometer von der Stadt entfernt kommen hier an einem hei??en Septembermorgen Dutzende Migranten zusammen.

Yosef Andar, ein junger Afghane, sitzt in einem Wagon eines stillgelegten Zugs. Er und seine Weggef??hrten warten auf den n??chsten G??terzug. Er soll sie nach Norden bringen, dort wollen sie die Grenze zu Nordmazedonien ??berwinden, die von Polizisten und Mitarbeitern der europ??ischen Grenzschutzagentur Frontex abgeriegelt wird. Danach wollen sie weiter, ??ber Serbien in Richtung Italien. Vor allem: weg aus Griechenland.

Seinen Vater h??tten die Taliban umgebracht, erz??hlt Andar, ihm selbst h??tten sie die Fingerkuppen abgeschnitten. Andar w??rde in Griechenland wohl Asyl bekommen, seine Chancen st??nden gut. Aber er will trotzdem weiter. Er werde hier wohl nie einen Job finden, auch die Sprache sei schwer, sagt er.

Video: Thessaloniki - und weiter

Alexandros Avramidis

Die meisten Griechen w??ren froh, wenn Menschen wie Andar es ??ber die Grenze schaffen w??rden. 2018 gaben in einer Umfrage 82 Prozent der Befragten an, dass der Staat weniger oder gar keinen Migranten die Einreise erlauben solle.

Im Oktober 2015 waren es nur 62 Prozent gewesen, die diese Antwort gaben. Der Monat markierte den H??hepunkt der Fl??chtlingskrise, damals kamen 200.000 Fl??chtlinge nach Griechenland. Der Unterschied zu heute: 2015 zogen fast alle unbehelligt weiter Richtung Norden. Die Grenze war offen, und die Griechen wussten das.

Heute h??lt die griechische Regierung Asylbewerber auf Bestreben der Europ??ischen Union Monate oder gar Jahre auf den griechischen Inseln fest. Wer doch aufs Festland gelangt, wird an der Weiterreise nach Nordeuropa gehindert, an der Grenze gibt es jetzt strenge Kontrollen und Patrouillen. Tausende Fl??chtlinge schaffen es dennoch, unbemerkt die Grenze zu ??berqueren, aber es ist weitaus schwieriger als 2015. Es sind fast ausschlie??lich junge M??nner, die es ??berhaupt versuchen.

Andere europ??ische Staaten helfen den Griechen vor allem mit Geld. Zwar nehmen zum Beispiel Deutschland und Portugal einige Fl??chtlinge aus Griechenland auf. Allerdings geht es dabei nicht um nennenswerte Zahlen.

"Angst und humanit??re Impulse"

In einer im April ver??ffentlichten Studie untersuchten Wissenschaftler die Einstellung der Griechen zur Fl??chtlingsfrage. Ihre Schlussfolgerung: Die Ansichten der B??rger schienen auf den ersten Blick widerspr??chlich. Die Griechen h??tten zwar "??ngste" in Bezug auf Einwanderer, diese hingen aber vor allem mit der schlechten Wirtschaftslage zusammen.

Anders als zum Beispiel t??rkische B??rger nehmen die meisten Griechen Fl??chtlinge aber kaum als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt wahr. Stattdessen dreht sich die Diskussion vor allem um ohnehin knappe staatliche Leistungen, die sich Griechen in einigen Orten nun mit Gefl??chteten teilen m??ssen. Es h??ufen sich Beschwerden ??ber die angebliche Bevorzugung der Neuank??mmlinge und ??berf??llte Krankenh??user, ??ber die eigene wirtschaftliche Not in einer Zeit, in der die Folgen der Wirtschaftskrise noch immer deutlich zu sp??ren sind.

Vasso Katsarou ist eine jener Griechen und Griechinnen, die genug haben. "Die Migration ger??t au??er Kontrolle", sagt sie. Katsarou ist Rentnerin, sie lebt in Thessaloniki, kommt aber urspr??nglich von Lesbos. An der K??ste der Insel wateten 2015 Menschen ins Wasser, um Fl??chtlingen auf den letzten Metern aus dem Meer zu helfen. Mehr als die H??lfte der Griechen hatten laut einer Umfrage im Jahr 2016 den Neuank??mmlingen auf irgendeine Weise geholfen.

Noch immer helfen viele, jeden Tag. Aber das geht in der ??ffentlichen Debatte inzwischen unter. Vor allem auf den Inseln demonstrieren viele Menschen regelm????ig gegen die Fl??chtlingspolitik. Es sind diese Bilder, die in den Nachrichten dominieren.

Die Bewohner fragen sich, warum gerade ihr Zuhause zu einem Freiluftgef??ngnis werden musste. "Griechenland ist ein armes Land mit armen Menschen", sagt Katsarou. "Warum k??nnen wir das Geld nicht f??r Griechen ausgeben? Diese Leute wollen hier nicht bleiben. Wo werden sie leben?"

Ausgerechnet der T??rkei ausgeliefert

In Griechenland wird sehr genau wahrgenommen, dass vor allem deutsche Politiker und Regierungsbeamte bei jeder Gelegenheit darauf dringen, die Balkanroute dichtzumachen. Was f??r deutsche Beamtenohren nach Ordnung und Migrationssteuerung klingt, hei??t f??r die Griechen vor allem: Die Fl??chtlinge gehen nicht mehr weg.

F??r viele nur Zwischenstation: Eine Mutter mit ihrem Baby nach der Ankunft im Hafen von Pir??us
YANNIS KOLESIDIS/ EPA-EFE/ REX

F??r viele nur Zwischenstation: Eine Mutter mit ihrem Baby nach der Ankunft im Hafen von Pir??us

Auch die historisch schwierige Beziehung zur T??rkei erleichtert die Lage nicht. Regelm????ig droht der t??rkische Pr??sident Recep Tayyip Erdogan damit, mehr Fl??chtlinge nach Griechenland zu schicken. In der T??rkei leben mehrere Millionen Syrer. Einst hatte Erdogan sie mit offenen Armen empfangen, doch mittlerweile ist die Stimmung auch in seiner Bev??lkerung gekippt. Erdogan steht unter Druck - und will die Syrer am liebsten so schnell wie m??glich loswerden.

Auch deswegen hat sich unter den Griechen ein Gef??hl der Hilflosigkeit breitgemacht. Man f??hlt sich den Launen eines unberechenbaren Nachbarn ausgeliefert und von den EU-Staaten alleingelassen. Entsprechend achtsam ist man inzwischen auch in Berlin. Vergangene Woche reiste Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nach Athen und beschwor die europ??ische Solidarit??t.

Nur noch wenige Griechen aber glauben, dass die EU und die griechische Regierung gemeinsam Herr der Lage werden k??nnen. Dazu sind die Zust??nde auf den Inseln in der ??g??is l??ngst zu prek??r: Im Fl??chtlingscamp Moria auf Lesbos, das f??r 3000 Migranten ausgelegt ist, hausen zurzeit knapp 13.000 Menschen, so viele wie zuletzt nach der Gr??ndung des Lagers im M??rz 2016.

Am Freitag sprach Premier Mitsotakis im Parlament davon, mehr und gr????ere geschlossene Haftlager f??r unkooperative oder abschiebepflichtige Asylbewerber errichten zu wollen. Sie w??ren ein sichtbares Zeichen f??r den griechischen Stimmungsumschwung.

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