Carina Witth??ft ??ber ihre Tennis-Auszeit "Du bist umgeben von Menschen, die dir gar nichts g??nnen"

Sie war eine der gro??en Tennishoffnungen, stand unter den Top 50 der Welt. Anfang des Jahres hat Carina Witth??ft entschieden, eine Auszeit zu nehmen - und wird daf??r scharf kritisiert: Darf man sein Talent so vergeuden?

Carina Witth??ft vor zwei Jahren bei den French Open
Adam Pretty Getty Images

Carina Witth??ft vor zwei Jahren bei den French Open

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Im August 2018 traf Carina Witth??ft bei den US Open auf Serena Williams - vor 20.000 Zuschauern im Arthur-Ashe-Stadium, der gr????ten Tennisarena der Welt. Ein Dreivierteljahr sp??ter tritt die 24-j??hrige Hamburgerin in der 2. Bundesliga f??r den Club an der Alster an. Lokalderby gegen Horn-Hamm, ein paar Dutzend Zuschauer stehen am Rand.

Witth??ft, bis vor Kurzem eine der gr????ten Hoffnungen im deutschen Frauentennis, hat diesen Szenenwechsel selbst gew??hlt. Im Fr??hjahr verk??ndete sie, eine Turnierpause einzulegen, "solange ich mich physisch und mental nicht bei hundert Prozent f??hle, um konkurrenzf??hig zu sein". Seither ist sie in der Weltrangliste aus den Top 50 auf Rang 387 abgest??rzt.

Und die Tenniswelt streitet, ob man das darf: sein Talent einfach wegwerfen.

Das zumindest werfen ihr Fans und Experten vor. Barbara Rittner, Head of Women's Tennis beim Deutschen Tennisbund, hielt eine Brandrede auf Tennisnet.com: Bei Witth??ft fehle ihr "dieses Durchhalteverm??gen, das die Generation davor hatte". Sie habe sich nie aus ihrer Komfortzone gewagt, um an einer der renommierten Tennisakademien zu trainieren: "Carina Witth??ft hat immer gesagt: Nein, mein Hamburg m??chte ich nicht verlassen."

Vergleiche mit Australiens Nick Kyrgios

Auch in anderen Reaktionen klang es oft so, als w??rde sich da jemand erdreisten, sein Potenzial nicht voll auszusch??pfen. Sein Talent zu vergeuden. Es ist derselbe Reflex, der bei Nick Kyrgios greift: Was der Australier alles schaffen k??nnte, w??rde er nur richtig trainieren!

Man kann Carina Witth??ft im "Tennis Park Witth??ft" in Hamburg-Jenfeld treffen. Ihr Vater hat hier in den Neunzigerjahren eine Tennisschule er??ffnet, am Eingang zum B??ro h??ngt ein Werbeposter: "Trainiere mit einem Profi - 100 Euro pro Stunde". Was die "Bild"-Zeitung zu der h??mischen Zeile animierte: "Nach Absturz in der Weltrangliste: Tennis-Beauty Witth??ft kann man jetzt f??r 100 Euro mieten."

Vor nicht einmal einem Jahr war noch Serena Williams ihre Gegnerin
COREY SIPKIN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Vor nicht einmal einem Jahr war noch Serena Williams ihre Gegnerin

Witth??ft tritt nach einer absolvierten Trainingseinheit frisch geduscht auf die Klubterrasse. Am Nachmittag steht sie selbst noch als Trainerin auf dem Platz. "Das macht mir gro??en Spa??. Ich kann den Leuten weiterhelfen, davon bin ich ??berzeugt." Sie setzt sich oberhalb der neun Tenniscourts an einen Glastisch, Hobbyspieler gr????en im Vorbeigehen, Bulldogge Teddy streicht ihr um die Beine. Witth??ft wirkt zufrieden.

Und doch merkt man ihr an, dass sie der Wirbel der letzten Wochen nicht kalt l??sst. Sie f??hle sich in die Position gedr??ngt, sich rechtfertigen zu m??ssen - zu pers??nlich sei die Kritik ausgefallen.

Ob sie untersch??tzt habe, was ihr Schritt f??r Reaktionen nach sich zieht? Ob sie nachvollziehen k??nne, dass Tennisanalysten ihr derart bittere Kommentare nachschicken? "Ich verstehe, dass die Leute sich fragen, wie es mit meiner Zukunft weitergeht", sagt sie. "Es ist nun mal ein bisschen in der Schwebe, wann und ob ich zur??ckkomme."

"Man hat diese negative Energie"

Dann berichtet sie von den Entbehrungen der Profitour: Jede Woche in den Flieger zu steigen, jede Woche in einem anderen Hotelzimmer zu schlafen, jeden Morgen die anderen Spielerinnen beim Fr??hst??ck zu treffen, Rivalinnen, nicht Freundinnen. "Du bist die ganze Zeit umgeben von Menschen, die dir gar nichts g??nnen. Man hat die ganze Zeit diese negative Energie."

Dazu kamen k??rperliche Probleme, eine hartn??ckige Patellasehnenreizung am Knie, R??ckenbeschwerden, zuletzt eine B??nderverletzung. Bei den Australian Open musste sie aufgeben, ihr bislang letztes Match auf der Profitour. "Ich habe anderthalb Jahre angeschlagen gespielt", sagt Witth??ft. Diesen Stress m??chte sie ihrem K??rper nicht mehr zumuten.

Witth??ft habe ihren Weg verloren, sagt Rittner. Dabei wirkt die 24-J??hrige, als h??tte sie sich aufgemacht, ihren eigenen Weg zu finden. Eine Frau, der ein vom Tennis diktiertes Leben wom??glich nicht reicht. Die immer gleichen Abl??ufe, die immer gleichen Routinen, sagt Witth??ft: "Morgens auf die Anlage, Stunde Training, Mittag essen, noch mal eine Stunde Training, Dinner - das war es dann."

F??r Witth??ft dreht sich nicht mehr alles nur um den Tennisball
Petr David Josek AP

F??r Witth??ft dreht sich nicht mehr alles nur um den Tennisball

F??r Menschen, denen nicht das Talent einer Carina Witth??ft verg??nnt ist, m??gen das Luxussorgen sein. Doch mit dem Talent ist es so eine Sache. Man k??nnte es als Tortendiagramm begreifen, mit verschiedenen Komponenten. Ballgef??hl und eine g??nstige k??rperliche Konstitution spielen da hinein. Mentale St??rke. Aber eben auch die F??higkeit, sich zu fokussieren, alles andere hintanzustellen und die Eint??nigkeit eines Profilebens auszuhalten.

Wie Witth??ft ihr Leben derzeit gestaltet, k??nnen Fans und Follower ??ber die sozialen Medien verfolgen. Auf Instagram sind Bilder vom Skilaufen zu sehen (wegen des hohen Verletzungsrisikos sonst ein No-go f??r Spitzensportler), vom Stand-up-Paddeln, von Ausfl??gen mit Freunden und Familie und hin und wieder auch vom Tennisplatz. Ein ziemlich normales Portfolio f??r eine 24-J??hrige. "Ich interessiere mich eben f??r viele Dinge, f??r Mode zum Beispiel", sagt sie und zeigt ein Foto von einem Mantel, den sie selbst gen??ht hat.

Zu viele Selfies, zu wenig Tennis?

Ein Wirtschaftsportal unkte im Februar, Witth??ft sei in die "Influencer-Falle" getappt, seit sie sich in die H??nde der Vermarktungsagentur Jung von Matt/Sports begeben habe. Zu viele Selfies, zu wenig Tennis? Der Berater-Deal wurde allerdings bereits im Fr??hjahr 2017 abgeschlossen. Ihren ersten WTA-Titel gewann Witth??ft im Oktober desselben Jahres in Luxemburg, ihr h??chstes Ranking erzielte sie im Januar 2018.

Witth??ft wundert sich nicht mehr ??ber solche Ferndiagnosen - ver??rgert ist sie trotzdem: "Es geht niemanden etwas an, was f??r Entscheidungen ich treffe. Ich trage am Ende die Konsequenzen." Und was, wenn sie ihren R??ckzug eines Tages bereuen wird? "Es war jetzt in diesem Moment definitiv die richtige Entscheidung."

Witth??ft 2017 bei den Australian Open
Dita Alangkara DPA

Witth??ft 2017 bei den Australian Open

"Es ist ihr Leben", sagt auch Rittner und klingt dabei weniger verst??ndnisvoll als tief entt??uscht. Die Chefin des deutschen Damentennis steht unter Druck, zu offenkundig sind die Nachwuchssorgen. Die Generation um Angelique Kerber hat die 30 ??berschritten, derzeit steht keine deutsche Spielerin unter 29 Jahren in den Top 100. Witth??fts R??ckzug mache sie "unheimlich traurig, weil sie so viel Talent hat".

Doch Talent ist nicht alles, das zeigen andere prominente Beispiele: Andre Agassi fiel 1997 in ein Motivationsloch und auf Rang 141 ab. Tennis-Wunderkind Jennifer Capriati k??mpfte mit Depressionen, als sie sich mit Mitte 20 von der Tour zur??ckzog. Und unl??ngst er??ffnete Mischa Zverev, 31 Jahre alt, er habe einen Burn-out erlitten und wollte eigentlich nur noch zu Hause sein.

Wom??glich hat Witth??ft die Zeichen einfach rechtzeitig erkannt und sich f??r ein anderes Leben entschieden. Aber welche Rolle soll Tennis darin einnehmen? "Ich wei?? es noch nicht", sagt sie. Trainerin will sie nicht werden, vielleicht ein Studium, ein Comeback schlie??t sie auch nicht aus. Was sie allerdings ausschlie??t: "W??rde ich Rittners Rat folgen und eine Akademie in S??ddeutschland aufsuchen, ich w??rde morgen mit dem Tennis aufh??ren."



insgesamt 27 Beitr??ge
Alle Kommentare ??ffnen
Seite 1
chense90 21.07.2019
1. Da will Frau Rittner urteilen ...
... eine deren Erfolge im Tennis am Ende sehr ??berschaubar waren ... deren Erfolge auch als Funktion??rin bisher ausblieben will ??ber Frau Witth??ft schimpfen? Selbst wenn es Steffi Graf w??re w??rde ich mich aufregen so bleibt nur der Spruch mit keine Ahnung ??brig
derfalscheprophet 21.07.2019
2. Auweia
Ich finde es sehr interessant, wie au??enstehende Menschen einem suggerieren, welche (Lebens)Entscheidungen wie zu treffen hat.
skilliard 21.07.2019
3.
Die Sportwelt ist voll von angeschlagenen und depressiven Leuten. Jedesmal wenn es ein tragisches Ereignis bis in die Schlagzeilen schafft, vergie??t die halbe Welt Krokodilstr??nen. Angeblich geht die Gesundheit vor. Und dann muss sich Frau Witth??ft daf??r rechtfertigen, dass sie den f??r sich richtigen Weg einschl??gt und bekommt noch bissige Kommentare hinterhergeworfen? Man kann es kaum glauben.
scarver 21.07.2019
4. Respekt
.. davor, dass Frau Witth??ft ihre eigenen Entscheidungen trifft und sich nicht von einer gnadenlosen Maschinerie in vereinnahmen l??sst. Ob, wann, wo und wie sie spielen will ist allein ihre eigen Entscheidung ??
Jimi 21.07.2019
5. The Show must go on...
...aber das vertr??gt sich nicht mit unabh??ngiger, erwachsener Entscheidungsfreiheit. Da muss man ein dickes Fell haben und Presse und ??ffentlichkeit in ihren theatralischen Facetten ein St??ck weit ignorieren.
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