Weltwirtschaft Unglaubliche Zeiten

Wir haben uns l??ngst an die neue Normalit??t des extrem billigen Geldes gew??hnt. Dabei bleiben die damit verbundenen Risiken betr??chtlich.

EZB-Chef Mario Draghi: Er preist negative Einlagezinsen als "sehr wichtiges Instrument"
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EZB-Chef Mario Draghi: Er preist negative Einlagezinsen als "sehr wichtiges Instrument"

Eine Kolumne von


Wir leben in unglaublichen Zeiten. Es f??llt uns nur nicht mehr auf, weil wir uns so sehr daran gew??hnt haben.

Wenn vor einem Jahrzehnt jemand vorhergesagt h??tte, dass die Zinsen faktisch abgeschafft w??rden, w??re er als Spinner abgetan worden. Doch nun ist genau das Realit??t: Die Zinsen sind extrem niedrig, teils sogar negativ, seit Jahren schon. Und die Notenbanken machen sich daran, die Z??gel weiter zu lockern.

Mario Draghi wird wohl bei der Pressekonferenz am Donnerstag eine erneute Lockerung des Kurses der Europ??ischen Zentralbank (EZB) ank??ndigen. Kurz vor seinem planm????igen Abgang im Oktober scheint der EZB-Chef entschlossen, eine weitere Runde von Ma??nahmen ins Werk zu setzen, die noch vor einem Jahrzehnt als ??u??erst radikal und riskant angesehen worden w??ren.

Vieles scheint m??glich: eine Wiederaufnahme der EZB-Anleihek??ufe, weitere l??ngerfristige Liquidit??tsspritzen, das Versprechen einer noch l??ngeren Phase von Null-Leitzinsen, einer Erh??hung der Strafgeb??hren, die Banken f??r ihre Guthaben bei der EZB zahlen m??ssen ("negative Einlagezinsen").

Zum Autor
  • Roland B??ge
    Henrik M??ller ist Professor f??r wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universit??t Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Au??erdem ist M??ller Autor zahlreicher B??cher zu wirtschafts- und w??hrungspolitischen Themen. F??r SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

Inzwischen allerdings ist die Aufregung ??ber die ultralockere Geldpolitik abgeflaut, selbst in Deutschland. Schlie??lich steht die EZB mit ihrem Kurs keineswegs allein. Die Notenbanken in der Schweiz, in Schweden, D??nemark oder Japan fahren einen ??hnlichen Kurs. Selbst die US-amerikanische Federal Reserve, die immerhin in den vergangenen Jahren versucht hat, ganz sachte die Zinsen nach oben zu drehen, wird sie wohl in absehbarer Zeit wieder senken.

Bei aller Gew??hnung an die neue Normalit??t des extrem billigen Geldes - die Risiken, die diese Politik mit sich bringt, bleiben hoch.

Machtvolle Instrumente

Bereits vor einigen Wochen hat Draghi in einer Rede beim Notenbankertreffen im portugiesischen Sintra eine Art Verm??chtnis seiner Amtszeit abgeliefert. Er pries negative Einlagezinsen als "sehr wichtiges Instrument" der EZB. Damit sollen nicht nur die Banken zur Kreditvergabe animiert, sondern auch der Wechselkurs des Euro gedr??ckt werden. Gerade f??r die offene Volkswirtschaft der Eurozone, so Draghi, seien negative Einlagezinsen deshalb ein m??chtiges Instrument.

Derzeit liegen die Einlagezinsen bei minus 0,4 Prozent. Die Schweizerische Nationalbank beispielsweise erhebt bereits S??tze von minus 0,75 Prozent. Ein bisschen Spielraum nach unten g??be es so gesehen noch. Aber irgendwann sind die Notenbankengeb??hren so hoch, dass die Banken lieber Bargeld in die Tresore packen als Guthaben bei der Zentralbank zu halten. Irgendwann ist der Umstieg auf Cash trotz zus??tzlicher Versicherungs- und Handlingkosten g??nstiger.

Eine solche Konstellation war fr??her kaum vorstellbar, schon gar nicht bei immer noch recht guter Konjunktur, mit hoher Besch??ftigung, niedriger Arbeitslosigkeit und ??u??erst geringer Inflation.

Wo bleibt die Inflation?

Inflation ist ein Ph??nomen, das aus begrenzten Produktionskapazit??ten herr??hrt: ??bersteigt die Nachfrage nach Dienstleistungen und G??tern das Angebot, steigen irgendwann die L??hne und die Preise. Eine inflation??re Dynamik setzt ein.

Doch in Zeiten international integrierter M??rkte ist das Angebot bei vielen G??tern fast unersch??pflich. Preissteigerungen sind unter diesen Bedingungen kaum m??glich. Dazu kommen strukturelle Verschiebungen auf den Arbeitsm??rkten, sodass die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften gelitten hat. Lohnerh??hungen sind schwieriger durchzusetzen.

Anders als erwartet, hat deshalb die Inflation kaum auf die extremen Ma??nahmen der Notenbanken reagiert. Im Euroraum steigen die Konsumentenpreise derzeit mit nur 1,3 Prozent. Auch die Lohnentwicklung ist nicht gerade ??bersch??umend. Die EZB peilt eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent an. Das ist internationaler Standard.

Die Notenbanken f??hlen sich daf??r verantwortlich, deflation??re Tendenzen zu vermeiden. Die Bef??rchtung besteht darin, ein sinkendes Preisniveau k??nnte in eine anhaltende Depression m??nden.

Das gr????te Risiko geht dabei von den hohen Schulden aus, die Staaten, Unternehmen und Privathaushalte aufget??rmt haben. Eine Gesamtverschuldung von brutto 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und mehr ist inzwischen der Normalfall, wie die OECD j??ngst vorgerechnet hat. Ob viele L??nder der Eurozone, die USA, Kanada, Gro??britannien oder China - die Gesamtverschuldung ist hoch, und vielerorts legt sie weiter zu.

Sollten unter diesen Bedingungen die Zinsen steigen, w??re das Gift f??r die ??konomie. Auch eine Deflation w??rde die reale Schuldenlast weiter erh??hen und die Wirtschaft erdrosseln. Wenn das Kartenhaus zusammenbricht, w??re die n??chste gro??e Krise da, mit enormen sozialen Sch??den. Soweit will es niemand kommen lassen. Eben deshalb stemmen sich die Notenbanken mit aller Macht gegen niedrige oder negative Inflationsraten. Zu Recht.

Andererseits: Die Schulden steigen weiter, weil Kredite so billig sind. Je l??nger die Notenbanken die Zinsen extrem niedrig halten, desto gr????er wird die Gefahr einer erneuten Schuldenkrise. So gesehen sind die Notenbanken gefangen in einer Spirale des lockeren Geldes. Ziehen sie die Zinsen nach oben, drohen reihenweise Pleiten von Unternehmen und Staaten. Bleiben die Zinsen niedrig, droht der n??chste Crash umso heftiger zu werden. Ein Dilemma. Gibt es daraus einen Ausweg?

Neue Limits

Da die Zinsen als Steuerungsinstrument ausfallen, setzen Notenbanken und Regulierer auf neue Instrumente, mit denen sie die Kreditvergabe durch die Banken steuern wollen: sogenannte "makroprudenzielle" Ma??nahmen. Dahinter verbirgt sich ein ganzer Werkzeugkasten, insbesondere verschiedene Eigenkapitalpuffer f??r Banken sowie Grenzen f??r die Kreditvergabe abh??ngig vom Wert einer beliehenen Immobilie ("Loan-to-Value Limits"). Ziel dieser Instrumente ist es, Schieflagen im Finanzsystem vorzubeugen. So wollen die Geldstrategen beispielsweise verhindern, dass sich Banken in Immobilienblasen verausgaben und dann zusammenbrechen, wie in der Krise von 2008.

In den vergangenen zehn Jahren haben mehr und mehr Staaten ihren Finanzdienstleistern die neuen Instrumente gezeigt, wie aus Daten des Internationalen W??hrungsfonds (IWF) hervorgeht. Zuvor waren Interventionen dieser Art in entwickelten L??ndern kaum verbreitet. Doch parallel zur faktischen Abschaffung des Zinses greifen sie nun vermehrt zu regulatorischen Ma??nahmen. In Teilen ersetzen sie die klassische Geldpolitik.

Auch das ist keineswegs unproblematisch. Das staatliche Geldmanagement wird politischer. Unabh??ngige Notenbanken, die mittels Zinsen die Finanzm??rkte steuern, bewegen sich in den lichten H??hen der Makro??konomie. Bei der makroprudenziellen Regulierung hingegen entscheiden auch Regierungsleute mit. So sitzen im deutschen Ausschuss f??r Finanzstabilit??t (AfS) gleichberechtigt Vertreter der Bundesbank, des Bundesfinanzministeriums und seiner nachgeordneten Aufsichtsbeh??rde BaFin. Die Gefahr besteht, dass die Aufseher kreditgetriebenen Booms zu lange unt??tig zuschauen und versuchen, heimischen Banken Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

In der Eurozone kommt ein weiteres Problem hinzu: Makroprudenzielle Steuerung beg??nstigt eine zunehmende Fragmentierung des Binnenmarktes. Jeder der 19 Mitgliedstaaten macht sein eigenes Ding. Dadurch droht wom??glich eine unterschiedliche Ausrichtung der Geldpolitik, die innerhalb der W??hrungsunion ja eigentlich einheitlich sein soll. Das European System Risk Board ??berwacht lediglich das Geschehen und spricht Empfehlungen aus.

Makroprudenzielle Instrumente waren gedacht als Erg??nzung zum klassischen Notenbanking. Nun sieht es so aus, als wenn sie die zinsgesteuerte Geldpolitik in Teilen ersetzen k??nnten. Die damit verbundenen Risiken k??nnten wiederum betr??chtlich sein.

Wie gesagt, eigentlich leben wir in unglaublichen Zeiten.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche
Montag

Washington - Akteure im Golfmonopoly - US-Pr??sident Donald Trump empf??ngt den pakistanischen Ministerpr??sidenten Imran Khan. Die Atommacht Pakistan mischt zunehmend im Kr??ftemessen am Persischen Golf mit.

Dienstag

London - Anyone but Boris? - Bekanntgabe des Ergebnisses der Tory-Urwahl um die Nachfolger von Premierministerin May. Der n??chste Tory-Chef, mutma??lich Boris Johnson, wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch Premier.

Madrid - Endlich, eine Regierung! - Das spanische Parlament stimmt ??ber die Wiederwahl von Ministerpr??sident S??nchez ab, drei Monate nach den Parlamentswahlen.

Mittwoch

London - Brexit-Drama, x-ter Akt - Voraussichtlicher R??cktritt der gl??cklosen Premierministerin May.

Berlin - Wer zahlt f??r die gescheiterte Maut? - Sondersitzung des Verkehrsausschusses. Es geht um m??gliche Schadensersatzanspr??che von Unternehmen, mit denen das Bundesverkehrsministerium bereits Auftr??ge geschlossen hatte. Die Maut scheiterte k??rzlich vor dem Europ??ischen Gerichtshof.

Donnerstag

Frankfurt - Draghis Verm??chtnis - Der Rat der Europ??ischen Zentralbank entscheidet ??ber den weiteren geldpolitischen Kurs. EZB-Pr??sident Mario Draghi hatte bereits eine erneute und weitergehende Lockerung in Aussicht gestellt.

Freitag

Washington - Stabiler Aufschwung? - Amerikas Statistiker legen neue Zahlen vom US-Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal vor.



insgesamt 180 Beitr??ge
Alle Kommentare ??ffnen
Seite 1
skylarkin 21.07.2019
1.
F??r die Deutschen mit ihren hohen Sparr??cklagen und f??r alle ohne Sachwerte ist die Politik des billigen Geldes ohne Zinsen eine Katastrophe und eine Form der kalten Enteignung und Zerst??rung der Zukunft. Das dagegen niemand auf die Stra??e geht wundert mich, aber der bl??de Deutsche demonstriert lieber gegen den Klimawandel. https://www.welt.de/finanzen/article197093875/EZB-Neues-Inflationsziel-wuerde-Sparer-noch-staerker-enteignen.html
rizzo_the_spacerat 21.07.2019
2. Das Geld was ich
Auf dem Konto liegen habe verliert an Wert. Eine Immobilie kann ich mir nicht leisten, da die Preise in Hannover keinerlei Gegenwert fuer das Geld mehr darstellen. Handwerker fuer eine etwaige Rennovierung gibt's nicht (mir reicht ja nen Fliesenleger und einer der rohre macht). Ich komme mir echt fuer dumm verkauft vor
suchenwi 21.07.2019
3. Makroprudenziell
ist ja mal ein schickes, (f??r mich) neues Wort. ??bersetzt etwa: "volkswirtschaftlich (makro??konomisch) vorsichtig". Als Gegenst??ck schlage ich "mikroprudenziell" vor, das, was man normal als "due diligence" vor einem Wertpapierkauf dringend anr??t: Pr??fung der Gesch??ftszahlen in n??herer Vergangenheit und Gegenwart...
hape72 21.07.2019
4. Billiges Geld, billiges Geld
ich lese immer wieder billiges Geld aber f??r WEN ist denn das Geld billig? F??r diejenigen, die keinen Kredit br??uchten. Die bekommen das Geld quasi umsonst hinterher geworfen und kaufen damit ohne Ende Immobilien und treiben somit die Preise nach oben. F??r die Normalbev??lkerung ist nix mit "billiges Geld".
swandue 21.07.2019
5.
Wird dann das Bargeld knapp, wenn viele, die negative Zinsen zahlen m??ssten, gro??e Mengen Bargeld ben??tigen? Wird das gar die beabsichtigte Abschaffung des Bargelds durch die Hintert??r?
Alle Kommentare ??ffnen
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