Reformen f??r den Nobelpreis Der Nobelpreis hat ein Frauenproblem

Dieselbe Prozedur wie im letzten Jahr: Bei den Nobelpreisen wurden wieder nur ??ltere, wei??e M??nner ausgezeichnet. Erst 2069 wird man erfahren, ob ??berhaupt Frauen nominiert waren.

Nobelpreismuseum in Stockholm: In hundert Jahren kaum Ver??nderung beim Geschlechterverh??ltnis
Steffen Trumpf/ DPA

Nobelpreismuseum in Stockholm: In hundert Jahren kaum Ver??nderung beim Geschlechterverh??ltnis

Ein Gastbeitrag von Nils Hansson und Thorsten Halling


Die Nobelkomitees in Stockholm haben es erneut getan: Am Montag ging der Nobelpreis f??r Medizin an drei M??nner mittleren Alters. Am Dienstag, bei der Vergabe des Physik-Preises, war es ??hnlich. Und beim Chemie-Nobelpreis gewannen, na klar, erneut drei ??ltere M??nner. Preistr??ger John Goodenough, betagte 97 Jahre alt, stellte sogar einen neuen Rekord auf. Kein Nobelpreistr??ger war zum Zeitpunkt der Verk??ndung ??lter.

Die Kritik an diesen Entscheidungen: wieder einmal keine Frau. Und wieder werden ausschlie??lich Forscher von renommierten Institutionen in Nordamerika und Europa geehrt. Einzige Ausnahme ist Chemie-Preistr??ger Akira Yoshino, er forscht in Japan.

Zur Person
  • Nils Hansson
    Die Wissenschaftshistoriker Nils Hansson und Thorsten Halling arbeiten am Institut f??r Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Heinrich-Heine-Universit??t in D??sseldorf. Sie forschen ??ber die Exzellenz in der Wissenschaft und haben ??ber Geschichte des Medizin-Nobelpreises publiziert.

Ob es ??berhaupt Alternativen f??r Preistr??ger gegeben h??tte und ob unter den aus der Gemeinschaft der Wissenschaft vorgeschlagenen Forschern ??berhaupt eine Frau gewesen w??re: Wir werden es erst in 50 Jahren erfahren, wenn die Archive die Akten freigeben.

Alfred Nobel legte in seinem Testament fest, dass die Preise an die W??rdigsten ihres Fachs vergeben werden sollten, unabh??ngig von ihrer Nationalit??t. Nahezu Jahr f??r Jahr zeigt sich: Die Praxis ist eine andere. Die USA sind bei der Anzahl der Preistr??ger mit deutlichem Vorsprung Nummer eins. Auch beim Geschlechterverh??ltnis hat sich in den letzten 100 Jahren kaum etwas ver??ndert. Nur f??nf Prozent der Laureaten der Wissenschaftspreise Medizin, Physik und Chemie sind Frauen.

In der Physik wurde mit Donna Strickland im vergangenen Jahr die erste Frau seit 55 Jahren und die dritte ??berhaupt ausgezeichnet. Wie kommt es zu diesem extremen Ungleichgewicht? Ist das eine Folge des sogenannten Matilda-Effekts, der systematische Benachteiligung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb beschreibt?

Auch wenn andere international bedeutende Wissenschaftspreise wie der Gairdner Award in Kanada und der Lasker Award in den USA ??hnliche Statistiken aufweisen, ist vor allem der Nobelpreis zum Symbol einer scheinbar unaufl??sbaren Chancenungleichheit der Geschlechter in den Wissenschaften avanciert.

Redakteure der f??hrenden Medizinfachzeitschrift "The Lancet" forderten deshalb die wissenschaftlichen Institutionen auf, ihre eigene Rolle f??r die Fortschreibung von Ungleichheiten anzuerkennen. Ebenfalls haben sie gefordert, dass die Preiskomitees ihre Auswahlprozesse transparenter gestalten sollten.

Aufschluss ??ber die Entscheidungsprozesse bei der Preisvergabe bietet das Archiv der Nobelstiftung. Die von uns durchgef??hrte Lekt??re der Gutachten ??ber vor Jahrzehnten in der engeren Wahl stehenden Kandidaten f??r den Medizinnobelpreis offenbarte: Im Herzst??ck des Nobelsystems operierten einst sehr viele "old boys networks". Die Chancenungleichheit beginnt damit, dass die preisw??rdigen Forscherinnen erst gar nicht nominiert wurden (mehr zum Thema lesen Sie hier).

G??ran Hansson, der derzeitige Sekret??r der K??niglich Schwedischen Akademie, die f??r die Chemie- und Physikpreise zust??ndig ist, sprach k??rzlich in einem "Nature"-Interview ??ber vielf??ltige Bem??hungen und Fortschritte in der Geschlechterfrage. Die Unterlagen dar??ber sind allerdings erst in 50 Jahren - nach Ablauf der immer noch g??ltigen Sperrfrist f??r die Nominierungen und Gutachten - einsehbar. Wer durfte also dieses Jahr nominieren, welche Weltregionen wurden dabei bevorzugt, wer stand zur Auswahl? Waren auch Frauen dabei und welche Argumente wurden f??r ihre Exzellenz angef??hrt? Sp??tere Generationen werden es fr??hestens im Jahr 2069 erfahren.

Es gilt, die Nominierungen in den Nobelkomitees direkt transparent zu machen. Damit w??rde die wissenschaftliche Gemeinschaft in Mithaftung genommen werden, denn vielleicht ist sie es, die Jahr f??r Jahr den Komitees eine bez??glich Geschlecht und Herkunft wenig diverse Auswahl an Kandidatinnen und Kandidaten bietet. So k??nnen verkrustete Strukturen erkannt und endlich aufgebrochen werden.

??ffnet die Archive! Nur dann kann die Kritik an der zur Karikatur gewordenen Preisverk??ndung der "alten M??nner aus Stockholm f??r alte wei??e M??nner aus Europa und Nordamerika" ??berfl??ssig werden.

insgesamt 144 Beitr??ge
Alle Kommentare ??ffnen
Seite 1
ksail 09.10.2019
1. Alte wei??e M??nner...
Waren wir nicht schon etwas weiter, als jedes Problem auf alte wei??e M??nner zu reduzieren? Das ist inzwischen doch etwas abgegriffen und wenig kreativ. Schade, dass man den Artikel dann kaum mehr liest. Plakativer: An unseren gesellschaftlichen Problemen sind in der Regel weder die Migranten noch die alten wei??en M??nner schuld...
frenado 09.10.2019
2.
Nat??rlich kann man die mangelnde Transparenz der Nobelpreisverleihungen kritisieren. Aber dies an den oberfl??chlichsten Merkmalen festzumachen und dabei den aus ??bersee her??bergeschwappten Kampfbegriff des "alten wei??en Mannes" zu mobilisieren, halte ich f??r unredlich. Mehr Sachlichkeit und Tiefgang, bitte.
Fuxx81 09.10.2019
3. Erwartungswert
---Zitat--- Alfred Nobel legte in seinem Testament fest, dass die Preise an die W??rdigsten ihres Fachs vergeben werden sollten, unabh??ngig von ihrer Nationalit??t. Nahezu Jahr f??r Jahr zeigt sich: Die Praxis ist eine andere. Die USA sind bei der Anzahl der Preistr??ger mit deutlichem Vorsprung Nummer eins. ---Zitatende--- Das ist kein Widerspruch. Die US-Forschung ist nun mal Weltspitze. Die Chinesen holen auf, die Deutschen fallen zur??ck. Damit sind die W??rdigsten ihres Faches, eben meistens Amerikaner. Die Preisverteilung entspricht dem Erwartungswert. Was Frauen angeht: Hier habe ich keine Statistiken vorliegen, es w??rde mich aber wundern, wenn in der Spitzenforschung mehr als 10% Frauen vertreten w??ren. Das ist sicher kein erstrebenswerter Zustand, aber keinesfalls Schuld oder Problem des Nobel-Komitees. Der Artikel bleibt Nominierungsvorschl??ge ja nun auch schuldig...
kangootom 09.10.2019
4. Erzieher/in des Jahres
Bei der Wahl der/des Erziehers/in des Jahres in Kinderg??rten w??rden jedes Jahr nur Frauen gew??hlt. Wie gro?? w??re der Aufschrei wenn wegen der Gleichberechtigung abwechselnd Mann/Frau gew??hlt werden m??ssen. Es ist leider mal so, dass Frauen in der Forschung erst langsam aufholen. Und da der Nobelpreis oft f??r Forschung vergeben wird, die erst Jahrzehnte sp??ter unser Leben ver??ndert, ist das Verh??ltnis entsprechend hintendran .
mainzer2 09.10.2019
5. Ist Diskrimierung der Grund?
Ist wirklich Diskriminierung der Grund oder die einfache Tatsache, dass Frauen in den Zeitr??umen, die in die Bewertung einflie??en, sehr selten in naturwissenschaftlichen Fachbereichen t??tig waren? Marie Curie und ihre Kolleginnen sind doch eher der Nachweis daf??r, als das Gegenteil! Das kann heute anders sein, aber die Nobelpreistr??ger von heute hatten ihr Schaffensdrang vor 20 Jahren oder deutlich mehr...Auch heute noch finden Frauen leider in Naturwissenschaften nicht in der H??ufigkeit statt! Oder wollen wir in Zukunft Preise nach Geschlechterproporz vergeben und nicht nach Qualit??t? Das w??re den hochqualifizierten Frauen in den naturwissenschaftlichen Bereichen gegen??ber noch ungerechter!
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